2 Menschen zwischen Leben und Tod
was für ein morgen ist das! nach einer scheußlichen und unruhigen nacht, ist es immer noch genau so still, wie gestern abend. den ganzen gestrigen tag über war ich unzufrieden mit mir: ich tat zu wenig, war zu wenig und lebte zu wenig. dann passierte laurie anderson, gestern im ulmer zelt. sie gab kein konzert, sie geschah einfach dort oben auf der bühne, allein zwischen unzähligen teelichtern mit ihrer winzigen elektronischen geige und einem grünen ohrensessel, in dem sie hin und wieder saß und erzählte. überhaupt erzählte sie den ganzen abend. und WAS sie erzählte! kein mensch, der sich nicht davon fangen ließ. es war unmöglich, als der selbe mensch hinauszugehen, als der man eingetreten war. es wurde so still - die stille, die hinter allem lauten ist, wurde hörbar. nicht im raum, da auch, aber die stille, die ich meine, ereignet sich IN einem.
vorgestern am see gab es vergleichbares. in diesem see schwimmen fische und auf dem grund wachsen wasserpflanzen im halbdunkel. lange schwamm ich mit meiner luftmatraze regungslos darüber, über alle maßen fasziniert von dieser atmosphäre, dem spiel des durchbrechenden und wieder und wieder gebrochenen lichtes auf dem grund und den stillen, starren gewächsen. ich schwamm auf meiner luftmatraze, die gefüllt war mit 10 minuten atemluft - meiner atemluft, ich wurde getragen von einer synthese aus 10 minuten leben und zwei lagen zusammengeschweißtem plastik über dieser wunderlichen landschaft, die unter mir über dem gesamten grund ausbreitet lag und bekam plötzlich eine tiefe gewißheit über das leben und auch den tod und den zusammenhang, den sie beide miteinander haben. und es zog mich hinunter in diese stille welt. ich wollte sie berühren, an ihr teil haben und damit verschmelzen. diese schattenhafte unterwasserwelt katapultierte mich aus dem alltäglichen einerlei meines lebens in einen moment der absoluten stille, des tiefsten bewusstseins und einem augenblick des stillstandes zwischen den dingen.
ich hatte früher schon verstanden, warum tod und katastrophen oft als einzige in der lage waren, den menschen wieder in sein wahres menschsein zurück zu holen, doch da be-griff ich es - ich erlebte es. ich verstand, dass das wahre leben sich nur in gegenwart des todes oder des bewusstseins des todes ereignet. die stille tritt dann ein, wenn einem beides - leben und tod - gleichermaßen nahe sind - diese stille hinter allem.
ich denke, wir haben den tod so gar nicht verstanden. wenn wir trauern, trauern wir um uns selbst, weil WIR den gestorbenen nicht mehr unter uns haben, weil er nicht mehr mit uns ist, weil wir mangel leiden. und doch haben wir neben all diesem leid oder der angst, die wir vielleicht empfinden, einen ort in uns, der weiß, wie diese stille zu leben ist. dieses kleine fleckchen in uns ist in diesem augenblick ein sehr glückliches domizil, ein ort des wissens, der kraft, des lebens und der freude. und diese freude und lebendigkeit spürt man umso deutlicher, je näher man den tod erlebt oder eine drohende katastophe. der tod ist oft die einzige schule des lebens. wenn wir ihn verleugnen oder verdrängen, verleugnen und verdrängen wir das leben. wir sind so winzig, nicht einmal 2 meter groß. wie leicht kann man da verloren gehen!
diese stille des vollkommenen ausgleichs zwischen leben und tod also, die gab es gestern in den menschen in diesem zelt, in dem laurie saß und erzählte oder stand und geigte und erzählte. es war eine erzählstunde für erwachsene, die einen so nackt machte, dass man meinte, man hätte keine haut mehr und die einen hinstellte vor sich selber, wie es ansonsten nur die gewißheit des todes kann. sie erzählte im plauderton die dunkelsten und skurilsten dinge, was die wirkung vervielfachte. ihre perfomance, die früher großartig angelegt war, war hier reduziert bis ins minimalistische - beinahe wie ein zen-dojo. in einer passage, in der es darum ging, was wir eigentlich hier machen in diesem leben und auf dieser erde und um den standpunkt, den man einnimmt, schaltete sie eine winzige kamera ein. die hielt sie zuerst so nah vor das gesicht, dass man nur noch die stirn und ein auge sah - verkehrt herum. das bild wurde auf eine kleine leinwand geworfen. dann klemmte sie die kamera an den geigenbogen und man wusste nicht, was sich bewegt: die geige oder der bogen. das bild katapultierte einen aus den schuhen und ließ sie da stehen, wo sie immer standen, aber ohne inhalt. man selber war teil dieses instrumentes.
sie selber löste sich während der vorstellung eigentlich auf. man hatte den eindruck, dass es völlig egal sei, ob sie das vor 2 oder vor 2000 leuten macht. es war abseits von jeglicher gefallsucht oder beifallsheischerei und man spürte, dass sie es dem publikum "schenkte". seit der minute, in der sie die bühne betrat und sich in den ohrensessel setzte, wurde es still im zelt und die präsenz dieser 1,60 m kleinen frau überflutete den raum und die gäste, die dort saßen, als wären sie zu einer märchenstunde geladen bei kaffee und kuchen. dabei wurden sie nackt ausgezogen und auf den einzigen unbewegten platz gestellt, den das dasein für sie hat. es gab keine gelegenheit für einen zwischenapplaus. es blieb so still bis zum schluss, an dem sie nahtlos vom text der vorstellung in die verabschiedung überging und uns allen eine gute nacht wünschte. wir saßen in der 1. reihe.
heute mittag wird mich c. zum see hinaus fahren und ich werde den nachmittag mit schreibschulen-unterlagen dort verbringen. es gibt seerosenfelder an den rändern. sie sind lila, rosa und weiß und verschiedene arten von libellen fliegen darüber hinweg, ganz leuchtend blaue und große, dunkle, die aussehen wie kleine hubschrauber. das leben kann mir kaum etwas perfekteres bieten, als das. ich werde wieder über den wasserpflanzen auf meiner luftmatraze schweben und hinuntersehen und ganz, ganz still sein. seerosen brauchten den schlamm, um wachsen und gedeihen zu können und um ihre volle schönheit zu entfalten. ist es nicht bei uns menschen ganz ähnlich?
heute morgen, beim schreiben der morgenseiten, fiel mir wieder einmal auf, wie widersprüchlich ich bin und vielleicht wie überhaupt nicht widersprüchlich - sonden nur scheinbar. schon diese aussage allein ist ja widerspruch genug :-) wenn man sich eine weile an diesem stillen ort in sich aufhält, ist man imstande, die dinge in sich zu betrachten, als würden sie in einem aquarium schwimmen. aus gegebenen anlass, könnte man sagen, aus meiner unzufriedenheit heraus, die ich vor diesem konzert von laurie anderson verspürte, reflektierte ich ein wenig und was ich heraus fand, war weniger etwas, was mir überhaupt noch nicht klar war, doch das umfassende bild, hatte ich noch nicht gesehen. wahrscheinlich war ich zu nahe dran, so dass ich immer nur ausschnitte betrachten konnte, aber nie das ganze. auch jetzt ist es noch nicht das ganze, aber ich bin noch nicht imstande, mich noch weiter von mir zu entfernen.
mir fiel auf, wie sehr ich immer alles bestens tun muss und auch sein muss und mir wurde völlig klar, warum ich noch rauche und warum ich nicht in der lage bin, so zu schreiben, wie ich es möchte. man stelle sich vor, was ich alles von mir erwarte: ich muss nicht nur alles können - prosa und gedichte schreiben, malen, denken, verstehen, spiele spielen - ich muss sogar noch die beste sein. ist das nicht fürchterlich? ich muss gewinnen, herausragen, umwerfen, die schönste, klügste, beste und weiseste sein. ich muss leistung zeigen, denn leistung rechtfertigt das geliebt werden und die selbstliebe. aber wie - frage ich mich - wie soll man sich da nicht selber enttäuschen? ich enttäusche mich täglich und ich weiß es.
ich kann wahrhaftig nicht behaupten, man hätte mich zum gewinnen erzogen - das gegenteil vermag es viel besser, aus dir einen ehrgeizigen narren zu machen, nämliche dann, wenn man dir den looser-stempel auf die stirn drückt. der mangel, der fehler - im sinne von fehlen - lässt dich großartige oder schreckliche dinge vollbringen. du bist dein ganzes leben dabei, dich und deine liebenswertheit und deine großartigkeit zu beweisen - dir selber und anderen. das ist die eine seite.
die andere seite in mir weiß sehr genau darüber bescheid und wundert sich über gar nichts mehr. es oft so, als wäre ich 2 menschen und auch deshalb kommt mir mein c. g. jung vermutlich so bekannt vor, so verwandt, denn er hatte das auch in extremem maße. das hat nichts mit einer persönlichkeitsspaltung zu tun. c. g. jung nennt sie: nr. 1 und nr. 2. nr. meine nr. 1 ist dieser ehrgeizige narr, der sich mit seinem verlangen nach geliebtwerden selber ein bein stellt. nr. 2. scheint sehr, sehr alt zu sein und durchschaut diese dinge, kann sich davon bis aufs äußerste distanzieren und ist imstande, nr. 1 zeitweilig so zu transzendieren, dass auch sie sich von ihrem leiden distanzieren kann und hinsehen. nr. 2 ist still und gelassen. nr. 2 lebt in der "gotteswelt", wie c. g. jung sie nennt - in einem bewusstsein um die antworten auf alle fragen des daseins. nr. 2 weiß um die dinge, die nr. 1 erstrebt. nr. 2 weiß auch, dass alles streben auf diese weise so vergeblich ist, als würde man versuchen, mit dem eigenen atem ein zimmer mit reinem sauerstoff zu füllen. ich bin immer 2 menschen.
Eskorte fragile - 23. Jun, 12:12






