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Individuationsprozess und Schuld


wir alle sind individuen, und doch haben wir nie gelernt, es wirklich zu sein. wir haben verlernt, uns selbst zu folgen - ja man kann behaupten, wir haben es nie gelernt, so dass wir immer ein defizit an uns selber haben. dieses defizit versuchen wir, auf verschiedene weise auszugleichen - zu kompensieren. wie früh hat man uns beigebracht, dass das primäre ziel "bequem und angepasst sein" heißt und nicht individualismus und persönliche entfaltung?
leider ist es im kleinen familienkreis genauso wie im großen politisch-gesellschaftlichen geschehen: man will den menschen so. er ist lenk- und manipulierbar und bequem. wer sich daraus befreien will, hat ein leben lang damit zu tun, die blockierungen wieder zu lösen und erhält dabei von außen alles andere als unterstützung. im gegenteil: man wird ja recht unbequem für andere.

doch auch für sich selber ist das unbequem, denn so ein dasein, in dem man zu 100 % für sich selbst verantwortlich ist, kostet rund um die uhr eine erhöhte achtsamkeit, eine ständige präsenz. es gibt kein verschnarchen, man kann sich nie so zurück lehnen, wie andere menschen und andere für einen machen oder entscheiden lassen.

das gute am angenehm-unbequem sein ist, dass man bei sich selber ist und ein glücklicher mensch sein kann, der sich selbst-bewusst ist und seine möglichkeiten ausschöpft und damit alles gewinnwn kann, was es als mensch zu gewinnen gibt. der preis, den man dafür zahlt, ist gering, allerdings wird die rechnung im voraus beglichen und kommt einem oft unerschwinglich vor. wer bei sich selber ist, kann auch bei anderem sein.

man muss den schritt in die einsamkeit wagen oder vielleicht nur wahrnehmen, dass es eine illusion ist, zu glauben, man wäre nicht allein. jeder von uns ist "unaussprechlich allein" und wir tun so viel, um das nicht zu spüren. man muss sich entfernen von den menschen - für eine weile - man muss mit den ängsten leben, die dann kommen und mit dem gefühl der vereinzelung. man muss diese ängste durchleben und zurück kehren als ein neuer mensch, der beides kann und beides will: die einsamkeit ertragen und suchen sowie ein gesellschafts- und gemeinschaftsfähiges indivuduum sein und doch eben das individuum zu bleiben.

man braucht alle kraftreserven, die man dafür hat, denn manchmal sind menschen wie vampire. sie saugen einen aus. wenn du ein individuum geworden bist, wollen sie dich noch viel mehr. du hast etwas, was sie selbst für sich möchten, doch da sie es nicht können, weil sie den mut oder die kraft nicht aufbringen, projizieren sie es aus sich hinaus und legen es in dich hinein, so dass du immer das sein wirst, was du bist und gleichzeitig das, was andere noch dazu legen oder subtrahieren. du wirst dich immer wieder in situationen finden, in denen du dich wirst verteidigen müssen, berichtigen oder gerade rücken und auch in situationen, wo alle mühe vergeblich ist, weil menschen nur das sehen, was sie sehen wollen und können.

auch diese resignation muss man durchleben und man wird immer wieder von selbst auf das alleinsein zurück geworfen, denn vieles und viele wirst du deiner eigenen haut zuliebe zurück lassen müssen. das wirst du dir dann immer schuldig sein. dieses "zurücklassenmüssen" ist mit das schlimmste, was einem dabei geschieht. das loslassen übt man dabei bis zur perfektion, das nicht-erwarten, das nicht-wünschen-und-wollen.

dabei merkt und sieht fast keiner, dass das eigentlich einer der größten liebesdienste ist, die man seinen mitmenschen antun kann. man hört auf, in sie hinein zu projizieren, man erwartet von ihnen nicht mehr, als das, was sie leisten können, man wird nie aus einer schuldigkeit heraus etwas geben, was man nicht geben will, man ist zur ehrlichkeit gezwungen und dazu, die menschen sich selbst sein zu lassen, mit allem, was sie sind und haben und können oder nicht können, haben und sind. man nimmt sie so, wie sie sind.

das ermöglicht ihnen eine freiheit und schenkt einen raum, den sie ausfüllen könnten, ganz wie es ihnen beliebt - doch die meisten können mit diesem raum und dieser freiheit gar nichts anfangen, weil sie es nicht kennen.

das, was sie für dich empfinden, wird immer ambivalent sein. sie werden dich mit schuldgefühlen manipulieren wollen - die palette der schuld reicht von äußerst subtil bis plump, die sie dabei bemühen. gleichzeitig neiden sie dir, was du für dich erreicht hast, deine freiheit, deine damit relative unabhängikeit und stärke. es gibt einen ausspruch - ich weiß nicht von wem, aber er geht so:
es war und ist noch immer der menschen liebste beschäftigung, engel mit gebrochenen flügeln zur erde stürzen zu sehen.
es ist wie bei dem spiel von licht und schatten: je mehr licht du in einen dunklen raum wirfst, desto härter und schwärzer und sichtbarer werden die schatten. wirft man sich als individuum in einen menschen, der nicht weiß, dass er eins ist, so werden für ihn und für dich seine schatten sichtbarer sein, als zuvor, was seine minderwertigkeitsgefühle steigern wird, ebenso wie das gefühl von ambivalenz dir gegenüber. je nach reflektionsfähigkeit des menschen und seiner ehrlichkeit sich selbst gegenüber, wird er entweder sagen "du bist es gewesen" und "du machst mich schlecht" oder wird erkennen, dass er eigentlich nur sich selber ansieht und du nur der spiegel bist, sonst nichts.

auch sich selber muss man ertragen lernen, dass man seinen ansprüchen nicht genügt und meist auch nicht genügen kann, weil man zu viel von sich selbst erwartet. man muss ertragen lernen, dass man vielleicht nicht der mensch ist, der man gerne sein würde und dass man vielleicht mit noch so viel mühe auch nie der mensch werden wird. man muss sich mit seinen fehlern ertragen und mit all dem, was man nicht an sich mag - und noch mehr: man muss es nicht nur ertragen - man muss lernen, es so sein zu lassen oder positiv zu verändern, was änderbar ist. und manchmal genügt es, wenn man vermag, es zu trotzdem zu lieben.

ein sich-selbst wichtig nehmen, lieben und achten - auch das haben wir nicht gelernt. wir lernen, dass es egoistisch ist, so zu denken, etwas für sich zu wollen oder seine eigenen bedürfnisse vor die der anderen zu setzen. und wieder begegnet uns hier die schuld mit der wir uns vor uns selbst und vor anderen auseinanderzusetzen haben.

dabei macht uns alles, was wir nicht vollen herzens geben, unzufrieden, depressiv und lebensunlustig, hält dem innewohnenden selbstzerstörungstrieb die stange. wir projizieren unseren groll auf den, dem wir geben und nicht auf uns selbst - geben ihm die schuld - nicht uns selbst.

das, was wir letztendlich mit unserem anpassungsverhalten erreichen wollen - nämlich das geliebt- und angenommenwerden - das bekommen wir bei aller bemühung zu unserem unglück auch nicht. geliebt werden wir dafür auch nicht mehr, als wenn wir wir selber wären. im gegenteil! wir selber sind ein grund, geliebt zu werden - nicht was wir tun oder nicht tun. alles andere ist spiegelfechterei.

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Juni 2005
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wasserfrau (Gast) - 15. Nov, 23:21
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danke dir! ende november,...
danke dir! ende november, anfang dezember werde ich...
Eskorte fragile - 12. Nov, 14:30

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