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Hätte, könnte, würde...

manchmal hab ich das gefühl, ich lebe alles mögliche - aber nicht mein leben. ich vermute, damit bin ich nicht allein auf der welt. wenn mir auffällt, wie sehr ich mich dem trott hingebe, dann stehe ich mir selbst oft kopfschüttelnd gegenüber und frage mich nach dem grund für das 100 % vorhersehbare, dass sich durch meinen tag ziehen wird. manchmal geht es mir schon am morgen so. ich weiß, was ich heute alles erledigen muss und so scheinen keine fragen darüber offen zu bleiben, wie dieser tag verlaufen wird und welche art gefühl mir dieser tag mir schenken wird.
etwas in mir drin oder jemand, der es besser weiß, rebelliert dagegen und sträubt sich gegen gegen die sicherheit des ausgerollten tagesplanes.

ich könnte alles ganz anders machen und alles könnte ganz anders sein. wenn ich an diesem punkt ankomme, dass ich das denke, hört der tag auf, vorherbestimmbar zu sein und das leben und die kreativität kehren zurück. diese möglichkeitsform von "hätte, könnte, würde", die oftmals so verpönt wird, ist doch zu etwas nütze.

wenn man kreativ ist, so erschafft man und man erschafft, indem man aus den möglichkeiten schöpft, auch aus denen, die gerade nicht so sichtbar sind im leben. bezieht man "hätte, könnte und würde" nicht in sein denken mit ein, so ist man blind für die möglichkeiten und geht evtl. ohne es zu bemerken daran vorbei. julia cameron nennt das "skepsis abbauen". man macht viele türen auf und merkt, dass es lebendig macht, sie auf zu machen und offen zu lassen.

so stelle ich fest, dass es möglich ist, einen weg zu entlang zu gehen, den ich so gut kenne, wie meine westentasche und dass ich doch überall neues sehen kann oder etwas, das anders ist, als sonst. ich lerne, dass es möglich ist, stehen zu bleiben und an einer blüte zu fühlen, weil ich neugierig bin, ob sie sich so anfühlt, wie sie aussieht. ich lerne, dass es möglich ist, so zu schlendern, als hätte man kein ziel oder so, als wäre jeder schritt, den man gerade tut, das ziel. wie ungewöhnlich das im straßenbild ist, wenn man nicht gerade auf einer einkaufsmeile flaniert und schaufenster guckt - also schlendert, um etwas nützliches oder meinetwegen auch unnützes zu konsumieren, zeigen mir die blicke der leute, die ich zufällig erhasche. alle haben ein ziel, wollen irgendwo ankommen, etwas besorgen oder wieder nach hause.

ich schätze mit dem erfolg, sowie auch mit der kreativiät ist es sehr ähnlich. ich kann es für möglich halten, dass ich erfolgreich bin. allein dadurch, dass ich diesen umstand in betracht ziehe, ändert sich alles. ich kann es für möglich halten, dass ich in einer stunde dinge schreibe, an die ich nie zuvor in meinem leben gedacht habe, weil das ein merkmal von kreativität ist. im kopf weiß man oft so genau, was die richtige handlungsweise oder konsequenz wäre, aber wie oft bleibt man ein erkenntnistheoretiker? da haben wir ihn wieder, den berühmten unterschied zwischen erkennen und erleben.

"hätte, könnte und würde" sind also dinge, die man braucht, um nicht in in eingleisiger spur bis zum lebensende dahin zu dämmern und alle chancen, die einem das leben bietet, sinnlos zu verschwenden. ein abtasten von den dingen, die sein könnten, an denen man freude hätte und die einen glücklich machen würden, erlaubt einem einen blick über den tellerrand hinweg und durch das gedankenspiel mit den möglichkeiten bekommt man immer einen guten einblick in seinen derzeitigen gefühlshaushalt.

Die täglichen Gedankenfürze

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