Von den kleinen Dingen
Auf dem Friedhof vor unserer kleinen Dorfkirche ist es schattig und still. Das Grab von Frau W. ist überhäuft von welkenden Kränzen und Blumen. Wenn es heute Nachmittag regnet, wird ihr Foto, dass an einem kleinen Holzkreuz hängt, aufweichen. Zerfallsprozesse. Sie liegt im Grab ihrer Eltern, der Bruder keine drei Gräber weiter in einem Mausoleum aus schwarzem Marmor. Auf der Bank vor dem Haus liegt nur noch ein Sitzpolster und ein schmaler Streifen Teppich für die Katze.
Die Schmetterlinge fliegen lautlos und man atmet beinahe auf zwischen den Toten. Efeu rankt sich um Mauern und Steine. Man kommt auf den Gedanken, dass es diese erlösende Ruhe erst im Tod gibt und dass alle Dinge unwichtig werden, einschließlich man selbst. Hier welken Blumen, dort blühen sie. Die Felder liegen schon brach und braun unter einem wolkenlosen Himmel. Die Erde nimmt ganze Familien wieder zurück in ihren Schoß. Kreislauf.
Ich denke oft nach über unser unnatürliches Verhältnis zum Tod. Wenn man nicht gerade siebzig ist oder todkrank, ist es beinahe ein Tabu, darüber nachzudenken, geschweige denn, darüber zu sprechen. Dabei werden wir in seiner Gegenwart eigentlich erst lebendig. Wir verdrängen ihn, so als gehöre er nicht zum Leben und als würden wir nicht alle eines Tages in einem kleinen Erdloch enden. Wir tun so, als würden wir ewig leben. Und wenn jemand aus unseren Reihen stirbt, den wir kannten, sind wir so überrascht, als wäre es das erste Mal, dass jemand stirbt.
Ich will ihn nahe heran kommen lassen, den Tod, damit ich leben kann, so wie ein Mensch leben sollte.
Oft denke ich auch an meine kleine Einsiedelei, in der ich zwei Jahre lang lebte. Es war nicht selten, dass ich drei oder vier Wochen mit keiner Menschenseele sprach. Mein Leben gehörte ausschließlich mir allein und jede Stunde des Tages. Und auch wenn ich wusste, dass dies kein Zustand ist, den man ein Leben lang haben konnte, war diese Zeit für mich eine der besten. Ich streifte durch die brandenburgisch Landschaft mit ihren ursprünglichen Wäldern, als wäre ich allein auf der Welt, und atmete eine seitdem nie wieder da gewesene Klarheit und Wahrhaftigkeit ein, die mir hier - in meinem Leben mit Heizung und warmem Wasser aus der Wand - manchmal abhanden kommt. Es war beinahe ein zeremonieller Akt, den Ofen zu heizen und auch das warme Wasser zu bereiten zum Waschen, sowie auch das Waschen selber. Das Leben war bewusst und viele kleine Dinge machten es - genau so wie es war - sehr lebenswert. Achtsamkeit erzeugt Freude.
Ich weiß noch, dass ich 20-Seiten lange Briefe schrieb und nach einiger Zeit eine Sprache sprach, die nicht mehr hierher gehörte. Sie war nicht aus der Vergangenheit, sie war einfach ganz ursprünglich meine - unbeeinflusst von jeglichen menschlichen Kontakten und Einwirkung.
Der Kreislauf des Lebens berührte mich auf eine sehr elementare Art, das Leben war in dem, was ich tat, konkret: ich war einfach ich und das mit allen Kräften. Ich liebte es, dort zu leben und dieses Leben zu leben, ich liebte es,dem alten Mann, der unten wohnte, dabei zuzusehen, wie er im Winter die Meisenringe an den Busch hängte und im Frühjahr Bäume am Feldrand pflanzte. Er mochte keine Menschen und war ein mürrischer Mann, der mich niemals grüßte, doch er pflanzte seine Bäume mit einer Achtssamkeit, die mich sehr berührte und oft stand er einfach vor einem seiner kleinen Bäume und es schien von Weitem so, als spräche er mit ihm. Vielleicht hat er das auch wirklich getan. Ich denke, er liebte nur seine Katze, die Tiere und seine Bäume wirklich.
Achtsamkeit üben, jeden Tag, das kostet eine beinahe übermenschliche Anstrengung und steht konträr zu unserer Zeit, in der wir leben. Und doch ist es wichtig, das Denken neu zu erlernen, das entgegen der Art von Halbwissen, das wir heutzutage als "Allgmeinbildung" bezeichnen, wirkliches Wissen ist.
