Heute bekam ich zum ersten Mal Post aus den USA, Waynesburg von Leroy T. Er sitzt dort seit fast 20 Jahren und wartet auf die Vollstreckung seines Urteils. 1987 hat er einen Mann umgebracht und ich mache mir keinen Begriff davon, wer er einmal war, doch ich bekomme eine Idee davon, was dieser Brief wirklich bedeutet und dass es für einen Menschen in seiner Lage ein Brief den Unterschied machen kann zwischen Leben und Tod - zwischen Menschbleiben und dem Verfall aller Dinge. Seine Dankbarkeit war mir fast peinlich und mischte sich in die Freude, ihm eine gemacht zu haben. Mir ist sehr klar, dass ich nie damit aufhören darf, ihm Briefe zu schreiben, so lange er am Leben ist und ich denke, ich wusste es bereits, als ich ihm den ersten Brief vor 6 Wochen schrieb.
Ich schrieb diesen Brief nicht aus einer Laune heraus, sondern weil mir sein Bild und seine Vorstellung von sich selbst etwas sagte. Ich konnte etwas damit anfangen und ich hatte Interesse für seine Person, so wie ich überhaupt Interesse habe an Menschen. Ich weiß, auch für mich gibt es darin mehr zu lernen, als eine Aufbesserung meines leidlichen Englischs. Ich glaube, ich habe bisher nicht gewusst, was Freiheit ist, obwohl ich so frei bin, wie ein Mensch heute sein kann. Das ist das Geschenk, das er mir macht...
Vorgestern habe ich die Bekanntschaft mit Herrn Hohlbrust gemacht und Euch davon erzählt. Er hat mein Innenleben seither sehr beschäftigt, wie überhaupt die Methode, Eigenschaften und Charakterzüge von sich selbst zu personifizieren.
Der Einfachheit halber habe ich ihm den Spitznamen Mr. Mo verpasst, denn da wir uns gut kennen, ist die förmliche Anrede nicht wirklcih notwendig.
Mr. Mo hat einige sehr wichtige Aufgaben: er ist ein überdurchschnittlich begabter Wahrnehmer, ein hervorragender Analytiker mit messerscharfem Verstand und einer blitzschnellen Auffassungsgabe. Nur mit dem Wahr-geben hat er es leider nicht. Für ihn ist das Leben keine Pralinenschachtel und Forrest Gump ein ahnungsloser Trottel - nein für ihn ist das Leben ein U-Bahn-Tunnel. Er schummelt sich von Nische zu Nische, hangelt sich an den Wänden entlang, und wenn das wirkliche Leben heran gerauscht kommt, sucht er sich das erstbeste Schlupfloch, um nicht mitgerissen zu werden. Das Leben macht ihm eine Scheißangst.
Der Holzkopf weiß um seine Bedeutung für mich und das hat ihn vermutlich zu einem Größenwahnsinnigen gemacht. Er okkupiert den Ausgang aus der Unterwelt und ist zu einem Massenmörder mutiert. Er köpft die Ideen auf ihrem beschwerlichen Weg in die Freiheit, noch bevor sie am Tor ankommen. Die, die es schaffen, überleben seine erbarmungslose Zensur nicht oder bekommen eine Gehirnwäsche, damit sie - Marionetten gleich - gewinnbringend eingesetzt werden können.
Mr. Mo ist eine Hure - bestechlich durch den Applaus und käuflich durch das Kompliment. Er ist ein eingebildeter alter Sack - anmaßend und ein wenig verstaubt. Ich habe ihn an meiner Brust genährt, nichtsahnend, was für eine Natter ich da groß ziehe.
Er liebt gar nichts, außer sich selber und zelebriert sich auf eine Weise, die mir Übelkeit bereitet. Ein eitler Tropf ist er, der sich selbst und seine Fähigkeiten maßlos überschätzt und er kann es sich leisten, denn das Leben ist ihm fern.
Was also mache ich mit ihm? Ich brauche ihn. Weder ausquartieren, noch hinrichten würde helfen und würde mir mehr nehmen, als geben. Wie soll ich diesen Riesen erziehen? Er ist der "talentierte Mr. Ripley" in Person - nicht zu hintergehen, nicht zu täuschen, nicht zu fangen.
Weiß jemand einen Idee? Ich kann ganz dringend eine brauchen!