Heimat - Ubi bene, ibi patria
"Heimat ist nicht dort, wo man herkommt, sondern wo man sterben möchte.", sagt Carl Zuckermayer.
Heimat sind die winkenden Blätter im Haselnußstrauch vor dem Fenster - es sind immer die Letzen, die Einem noch winken - trocken und gelb, bevor der Wind sie atmet und wieder ausbläst.
Und die alten Männer, die sie zu kleinen Häuflein zusammen rechen und liebevoll auf den Beeten verteilen, bevor der erste Schnee fällt.
Es sind die selben alten Männer, die auf vorsintflutlichen Rädern die Sandwege abfahren, als gälte es, alle unbefahrenen Straßen noch zu erkunden vor dem endgültigen Winter - bei jedem Wetter - mit Arbeitsanzug oder Janker und der Schiebermütze, die mit dem Kopf verwachsen ist, wo kein Haar mehr wächst.
Heimat ist der Kiosk an der Ecke, an dem der Verkäufer schon weiß, was man von ihm will und es bereit legt, sobald er Einen kommen sieht, der mit dem vertraulichem "Du" irgend jemanden meint, der eine Schachtel Marlboro kauft und eine Zeitung.
Heimat ist dort, wo das Pflaster vielbegangener Wege die angehäufte Vergangenheit beruhigt, wenn die Füße darüber hinweg schreiten - wenn man ein Riese geworden ist für den Zipfel Moos, der sich zwischen die Platten zwängt.
Heimat ist, wo in den Ecken der Zimmer Lieben und Leiden hängen wie Spinnweb und auf Beute lauern, wo die Rücken der Bücher das Gewissen absorbieren, mit dem man sich der abgegriffenen Seiten erinnert und sich die Zeit mitleidig gelb über das Papier legt, wie eine verschmähte Liebe, die gerade kein Messer zur Hand hat.
Und wo man sich in Arbeitszimmern zum ersten Mal im Ganzen ausbreitet - heimlich und unerkannt von den vielen Gesichtern, die immer im Dunkeln bleiben und mit ihrem ganzen Licht erbarmungslos das andere ausleuchten.
