I
Winke dem Schmerz einen Abschiedsgruß
ich bring dir den Duft von Vanille
weißt du denn nicht, dass nichts geschieht
wenn man vor Fenstern stehend
wartet und winkt ohne Abschied?
II
Ich will mir Fell für dich wünschen
anstatt Häute aus Papier
weiß von Wehmut und Warten
damit man dich streichelt wie eine Katze
auf der anderen Seite der Sehnsucht
wo der Ofen ist, die Lampe im Eingang
und Milch vom sich neigenden Finger
Die Kunst der Moderne ist mir ein Rätsel - von ganz wenigen Fällen abgesehen. Von Menschen gemacht, kann sie nur die selben Wege nehmen wie wir. Das gibt mir zu denken.
Egal ob in Wort oder Bild - Abstraktes ist gefragt. Abstraktion findet Beifall, Aufmerksamkeit, öffentliches Interesse.
Gemälde kosten Millionen, obwohl ein nur schwarzer Punkt und eine orange Linie drauf ist, die jeder Dreijährige hinkriegt. Halbsätz-Konstrukteure, die ihr Glück in Effekthascherei versuchen, die nichts mehr erzählt, sondern nur noch abbildet, werden als literarische Größen gefeiert.
Neue, frische Worte wollen sie, unverbraucht, noch nie Dagewesenes oder SO noch nie Gesehenes wird gewollt. Doch was haben wir noch nicht abgenutzt? So gierig sind wir nach frischem Schein, den wir noch nicht mit dem Makel des Durchschauens getrübt haben, dass wir ganz das Wesentliche vergessen: Dass Kunst nicht nur für den Künstler ist oder für einen kleinen, aber umso erlauchteren Kreis der Kritiker und Kenner.
So wird händeringend ein Nachfolger für
Günter Grass gesucht und der
Mangel an Nachwuchs beklagt. Wozu? Es wird keinen zweiten Günter Grass geben. Und wenn es einen gäbe, wie sehr muss er sich vergleichen und messen lassen an seinem unfreiwillig auferlegten Vorbild? Wie lange brauchen wir, bis wir seinen Kopf so abgegriffen haben, dass er an daran zerbricht?
Im Traum bin ich auf dem Weg zu einem Psychoworkshop für Frauen. Ich schlängle mich durch enge Gassen, die dem Ghetto von Warschau ähneln. Graubraune Fassaden mit abblätterndem Putz und Einschusslöchern - manche so groß wie Kindsköpfe.
Der Fußweg führt an einem winzigen Park vorbei. Die Bäume strecken kahl ihre Arme in den weißen Himmel. Vor mir schiebt eine Schwarze ihr Baby im Wagen. Sie erwartet ihr zweites - unter dem Mantel trägt sie nichts und ich sehe ihren kaffeebraunen geschwollenen Bauch.
Sie ist so makellos, dass ich beim Vorbeigehen gaffe, als sähe ich ein Weltwunder. Doch mehr als Schauen mag ich nicht. Nebeneinander biegen wir um die Kurve und plötzlich höre ich Musik. Sie kommt von nirgendwo, liegt einfach so in der Luft. Ich komme mir vor, als wäre ich in einem Film. Dort ist es auch immer so: keiner stellt das Radio an - die Musik untermalt das Geschehen passend und effektvoll. Ruhig senkt sie sich herab in meine Tiefe und macht mich für einen Moment sehr glücklich.
In einer schlammigen Gasse versinke ich knöcheltief in den Pfützen, erklimme eine Treppe aus Erdreich und Holz. Dann stehe ich vor einem kioskähnlichen Bau mit Flachdach. Die Schaufenster sind mit Papier verklebt. Kein Hinweis darauf, dass ich hier richtig bin. Dunkel erinnere ich mich, dass ich hier schon einmal war, aber wohl nicht richtig gesucht habe.
Drinnen sitzen sechs oder acht Frauen - eine davon kenne ich. Mir werden Pillen in den Mund geschoben, die sich darin auflösen und die Konsistenz von Sand annehmen. Ich will nicht schlucken. Allen anderen scheint das zu gefallen. Heimlich schiebt mir eine der Frauen Nachschub in meine Manteltasche. Was mache ich hier?
Nuschelnd entschuldige ich mich und suche das Klo, finde aber nur abwärtsführende Treppen, lande in einer Kellerwohnung. In einem rosa gefliesten Badezimmer spucke ich den Klumpen aus, spüle den Mund. Dann ist es besser. Verwundert sehe ich mich um. Wer wohnt hier unten? Diese Wohnung muss unter dem Haufen Erdreich liegen, den ich vorhin erklommen habe.
Eine dicke Frau mit Dutt und Kittelschürze kommt gewatschelt und meint, dass es Zeit sei, dass ich komme. Sie muss mich verwechseln, doch ich folge ihrer Anweisung, steige noch tiefer hinab. Die Treppe ist aus Beton und führt in fensterlose, bunkerähnliche Räume. An den Decken hängen nackte Glühbirnen, die Wände sind ebenfalls aus Beton.
Aus einer Tür quillt eine Schar Männer hervor. Ohne dass es mir jemand sagt, weiß ich: Es sind die Versehrten und ich bin in ihrem Heim - oder besser - an ihrem Aufbewahrungsort.
Sie setzen sich an die groben Holztische im Nebenraum.
Einer von ihnen hat keine Arme. Mit seinen Stümpfen fuchtelt er nach seinem Gegenüber - ebenfalls Einer ohne Arme, doch ihm fehlen sie schon ab den Schultern. Sie tragen beide Wollmützen und Unterhemden und spielen Schach. Mit dem Mund.
In Zeitlupe bewege ich mich durch die verkrüppelten Männerkörper - wieder ist dort diese Musik von vorhin und ich weine um die Versehrten, begreife, dass auch sie auf ihre Art makellos sind.
Mit dem Rücken zu mir sitzt ein Langhaariger. Er dreht sich nicht um, als ich vorbei laufe, aber ich weiß, er spürt meine Anwesenheit, die so ungewöhnlich ist an diesem Ort. Sein Oberkörper ist zerfurcht von Narben, die so tief und breit sind, dass mein Zeigefinger in dem verkrusteten Fleisch verschwinden würde, das zwar gezeichnet, aber längst verheilt ist.
Ich unterdrücke den Impuls, es zu tun und kehre nach meiner Runde durch den Raum wieder zum Eingang zurück.
Dort stehen die Frauen von oben, lächeln und kauen ihre Pillen.
Ihr Anblick macht mich wütend. Mit bebendem Finger zeige ich auf die Versehrten: "Wenn ihr DAS jeden Tag seht, wie könnt ihr dann diese Scheiße schlucken?", schreie ich und werfe die geschmuggelte Pillenpackung aus meiner Tasche vor ihre Füße und gehe.
Dann bin ich wach.
Die Bedeutung des Traumes wird mir immer klarer - mit dem Aufschreiben, dem mehrmaligen Lesen.