Würde und Ehrfurcht
Am Obststand neben mir zupft eine Dame Bananen auseinander. Nicht eine, nicht zwei plückt sie aus der großen Staude, sondern vier und zwar einzeln. Die restlichen drei wirft sie in ihren Korb. Die Hälfte der abgerissenen Früchte wird niemand mehr kaufen, denn der Stiel ist komplett abgerissen. In weniger als einer halben Stunden wird es braune Flecken im Fruchtfleisch geben, denke ich und schiebe meinen Korb hinter ihr her. Mir ist die Lust auf Bananen vergangen.
Zwei Schütten weiter sind wir bei den Trauben. Mit spitzen Fingern hält sie eine schwere Rebe, schaukelt sie hin und her, riecht daran. Skeptisch überprüft sie eine, pflückt sie ab und reibt sie an der Jacke sauber, kostet sie.
Dieser Mund... denke ich, ich will nicht wirklich wissen, wie sie isst und vor allem nicht, wie es sich anhört, aber ich erspare mir nichts, was dazu gehört. Laut höre ich sie schmatzen und stelle mir vor, wie sie nach innen lauscht, ob die Frucht ihre Gunst erringt, die so stiefmütterlich abgerissen und ganz und gar ohne Genuss den Gaumen dieser Person befeuchtet, wie sie mit der Zunge die Frucht zerquetscht, mahlende Zähne... Ich bekomme Gänsehaut.
In einer Hand hält sie die Rebe, mit der anderen wühlt sie in der Schütte nach einer besseren, findet sie, lässt die erste achtlos zu ihren Schwestern fallen, betrachtet die neue von allen Seiten.
Dann zupft sie einzelne Trauben heraus - hier eine, da eine - und wirft sie in die Kiste, als würde sie Knallerbsten werfen. Ein paar zerplatzen und verbluten ihren Saft über die Heilgebliebenen.
Es ist wie Krieg, denke ich und bekomme eine ungewollte Ahnung, welche Schlacht da gerade geschlagen wird.
Ich lege Birnen in meinen Korb und überlege, was der Umgang mit uns selbst und dem, was wir essen, wirklich über uns aussagt und komme zu dem Schluss, dass ich die Antwort vielleicht nicht wirklich wissen will.
Eskorte fragile - 3. Nov, 12:21






