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Wenn der Anfang vergeblich ist

"Henry", frage ich, leicht angenervt durch seine Pulerei im Corned Beaf. "Was machst du da?"
Verständnislos glotzt er mich an: "Na ich mag kein Fett, das weißt du doch." Ungerührt blickt er wieder auf seine Scheibe Beaf, die ihm durch die Finger glibbert. Ich erspare es mir, zu erwähnen, dass da gar kein Fett drin ist, denn schließlich ist Henry mein bester Freund. Auch wenn er alles andere als gute Essmanieren hat, ist er mein Freund.
Mit meinem Freund Henry gibt es wenig, was ich noch nicht gemacht habe.
Ich traf ihn eines Abends in der Kiezkneipe in Berlin Friedrichshain. Er spielte dort Klavier. Bei jedem Anderen hätte das lachsfarbene Rüschenhemd lächerlich ausgesehen - bei ihm nicht - und nicht nur, weil er später mein Freund wurde. Es stand ihm so gut, als wäre er damit auf die Welt gekommen. Und er wusste es. Nirgendwann sonst lächelte er so charmant, als wenn er am Flügel saß und Schubert spielte oder etwas Selbstkomponiertes.
Als wir später in seine Wohnung gingen, war ich bereits wieder nüchtern.
"Komm, wir nehmen ein Bad", schlug er vor und anstatt mich über diesen Vorschlag zu wundern, ließ ich das Badewasser ein.
Im Kerzenschein saßen wir dann mit Sektgläsern in schaumbenetzten Händen in seiner großen Wanne und redeten über das Gefühl des Fremdseins, über das Gute und Böse, über seine Arbeit. Und ich fand gar nichts dabei mit einem Wildfremden zu baden. 36 Stunden am Stück redeten wir insgesamt - mein Gesprächsrekord. Und wir rauchten Päckchenweise Cabinett dabei. Das musste sein - Cabinett.
Eine kleine Kammer unter der Treppe diente ihm als Schlafzimmer. Das Bett passte gerade hinein. Vom Kopfteil fiel durch die Fensterluke ein schmaler Streifen Licht auf's Laken - ein Bild, dass mich immer an Spitzwegs armen Poeten erinnerte. Die Wände waren unverputzt und grau, ein leichter Mief lag über allem in seiner Wohnung - ich konnte nicht sagen wonach genau. Ich weiß nur, dass ich diesen Geruch später mochte, weil's seiner war. Er hatte etwas von Rasierwasser, ungewaschenen Klamotten, Leder und altem Gemäuer - aber da war noch mehr... und lange kam ich nicht drauf, was es war. Er hatte ihn immer an sich. Selbst wenn er woanders war.
Nach dem Bad legten wir uns in sein Bett. Er umlöffelte mich von hinten und wir schliefen. Nur ab und zu zuckte etwas hinter mir, doch im Halbschlaf nahm ich keine Notiz davon.
Erst ein Jahr und zwei Flaschen Rotwein später verkündete er mir seine Absicht, Nachkommen mit mir zeugen zu wollen. Wie ich später wusste, war das das Ende unserer Freundschaft, wie sie einmal war.
Und er erst dann wusste ich, wonach er riecht: es war Vergeblichkeit. Ich hatte sie die ganze Zeit in der Nase und wusste es nicht. Sie hat den Geruch von etwas, das schon längst vorbei ist, noch bevor es begonnen hat und ist mit dem von altem Gemäuer leicht zu verwechseln - von altem Gemäuer mit zu lange benutzter Wäsche.
Seitdem fand ich seine Pulerei im Essen fürchterlich.

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