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Himmeltag

Himmelfahrt. In Bayern. Ein Tag, an dem dem Kirchen voll und die Regale in den Bäckerläden leer sind. Die Glocken läuten über das Rapsfeld in mein offenes Fenster. Die Welt draußen ist gelb.
Ein Tag, an dem mein Vermieter nicht in Arbeitshosen durch den Garten spukt, um hinter dem Haus "nach dem Rechten" zu schauen, wo es nur einen Stapel Brennholz, ein altes Fahrrad, den Schuppen und die Mülltonne gibt. Seine winzigen Salat- und Zuccini-Pflänzchen müssen warten. Frisch rasiert, in Polyesterhosen und Schiebermütze auf dem weißen Haar macht er sich auf den Weg.
Immer, wenn ich im Garten sitze und lese oder in der Frühe meinen Tee trinke, eilt er und holt mir ein Sitzpolster für die Bank. Noch nie hab ich es geschafft, ihn davon zu überzeugen, dass ich keins brauche, dass mein Hintern dick genug ist und ich ein eingebautes Polster habe. Er hört nicht mehr so gut, aber dann ist er komplett taub.
Das breitet er dann mit der selben Geste aus, mit der er für die Katze ein Stück Auslegeware auf die Bank legt. Damit sie es weich hat. Fast rechne ich damit, dass er mir über den Kopf streicht.
"So Madl", sagt er dann - sichtlich mit sich zufrieden und strahlt. "Hock di hier nauf. Is doch weicha." Und ich bedanke mich artig und tue es. Es ist unmöglich, sich dann nicht darauf zu setzen.
Wenn ich aufgestanden bin, verstaut er sie wieder sorgfältig im Abstellraum. Es könnte regnen oder sie werden vom Wind zwischen die Gänseblümchen geweht. Manchmal macht er das mehrmals am Tag. Holt sie raus, trägt sie wieder rein.
Seine Haut verträgt keine Sonne mehr. Manchmal, wenn sie mittags am Heißesten brennt, und ich genießerisch vor mich hin döse oder lese, holt er sich einen alten Küchenstuhl und setzt sich in den Schatten. Da ich das Sonnendach hochgekurbelt habe, ist auf seiner Bank kein Platz mehr für ihn. Aber das stört ihn nicht. Er freut sich immer, wenn er mich sieht... wenn ich dort sitze. Noch mehr, seitdem seine Frau gestorben ist.
Wir reden dann kein Wort. Nach fünf Minuten schläft er zusammengesunken ein, dass ich fürchte, er fällt runter - die Mütze tief im Gesicht, die Hände gefaltet im Schoß. Die Katze liegt zusammengerollt zu seinen Füßen. Auch sie mag keine Sonne.
Dann frag ich mich, ob er so müde ist oder ob er einfach gern in meiner Nähe schläft und staune. Und wünsch mir eine Kamera. Der warme Wind weht ihm die Apfelblüten um die ausgetretenen Turnschuhe, legt sie auf seine Cordhosen, die früher einmal weiß waren. Jetzt kniet er damit in den Beeten.
Ein bisschen ist es wie Heimat für mich. Obwohl ich doch eine Heimatlose bin, aber davon weiß er nichts.
Lo - 25. Mai, 12:09

Wunderbar zärtlich geschrieben.
Schön.

Eskorte fragile - 25. Mai, 12:16

Zärtlich.... das trifft es wohl. Die Zärtlichkeit eines Mannes, der irgendwie nur noch wartet auf das große Etwas, dass ihm eher früher als später begegnen wird, sich bis dahin die Zeit vertreibt. Mit allem verfährt er so. Mit der Katze, mit seinen Pflänzchen und mit mir :-)
siam - 25. Mai, 13:45

wie wunder, wunder schön.
Bin jetzt auch dort in dem Garten. Windig ists..
Es ist gut, Menschen zu treffen auf seinen Wegen. Auch für Heimatlose.
Es ist gut, - der Moment...

Eskorte fragile - 25. Mai, 13:53

setzt dich dazu. tee?
der moment - ja, der ist schön, weil er einfach nur ist.
menschen auf dem weg - gut ist es, sie zu treffen - gerade für heimatlose.
siam - 25. Mai, 13:55

gleich vielleicht. Ich weiß nicht, ob ich das will, oder ob du mich dazu bringst, aber im Moment ist mir danach, auf die Wiese zu laufen und einen Kranz aus Gänseblümchen zu flechten.
Eskorte fragile - 25. Mai, 13:57

:-) ich kann dir von der bank aus dabei zusehen.
Eskorte fragile - 25. Mai, 15:26

guck



die Bank samt Auslegeware

die  bank

die Wiese

die wiese

das Haus

das haus
Eskorte fragile - 25. Mai, 15:59

und.....


die katze

die katze
siam - 25. Mai, 16:42

oooh!!!!
wie heißt sie denn? sieht aus wie ein Er.
Ein weißes Haus hab ich mir vorgestellt.
.. Wie friedlich...
Eskorte fragile - 25. Mai, 16:50

es ist eine sie. ihr name ist minni. meistens ist sie recht griesgrämig. und obwohl eine ganze straßenkatze, hat sie doch echtes, elitäres verhalten. wenn sie gekrault werden will, kommt sie nicht etwa. nee - sie baut sich ca. zwei meter vor dir auf und maunzt ganz kläglich, damit du deinen hintern erhebst und vor ihr knien musst :-)

ob man sich den trick merken sollte?
polly (Gast) - 25. Mai, 17:55

merken

sollte man ihn sich. aber anwenden können ihn wohl doch nur kinder und katzen...
würde sich mein nachbar hinstellen und maunzen, ich würd sicher nicht...neee....ganz sicher nicht ;)
Eskorte fragile - 25. Mai, 18:43

ach.... wer will den schon von JEDEM gekrault werden - oder JEDEN kraulen, der anspruch darauf erhebt. :-)

ich meinte eigentlich so im kreis der vertrauten krauler.
oder meinetwegen auch von den möchtegernhaben-kraulern.
pollykrohm - 25. Mai, 19:29

also bei katzen bin ich schon sehr viel wahlloser mit dem verteilen von krauleinheiten als bei menschen. aber vielleicht sollte man auch generell mehr menschen kraulen?
Eskorte fragile - 25. Mai, 19:48

ich auch :-)

aber ich sah mal eine doku im fernsehen über einen streichel-workshop. im ernst - so was gibts. es waren so an die vierzig leute da, männlein und weiblein, die sich überhaupt nicht kannten.
das ganze zimmer war mit matten ausgelegt und da lagen sie dann, löffelten was das zeug hielt - zur einstimmung sozusagen. später köpfe auf bäuchen, hände in haaren - es war die reine streichel-orgie. erogene zonen waren tabu. aber es sah trotzdem sehr intim aus. die therapeutin hat sie eingestimmt, so dass sie alle aussahen, als hätte sie eine viel zu große tüte geraucht. ich denke, das wäre nix für mich.

vielleicht ist das aber die marktlücke schlechthin und wir wissen es noch gar nicht. schließlich gibt für fast jedes bedürfnis inzwischen eine dienstleistung. so für die ganz bedürftigen....
pollykrohm - 25. Mai, 20:12

die doku!

hab ich glaube ich auch gesehen. ehrlich... ich fand es beklemmend. fast ein wenig eklig.
vor allem als der eine da doch deutlich erogenisiert war und die dame sagte, das wär was ganz natürliches. JAHA...

aber ich habs drauf geschoben, daß ich homophob bin... ;)

eine marktlücke ist da sicher irgendwo. das problem ist glaub ich, daß es eigentlich keine marktlücke ist, sondern eine soziale, die der markt entdeckt. wie die singlebörsensache.
Eskorte fragile - 25. Mai, 20:15

ja, beklemmend und IMMER haarscharf an der grenze zu ekelig. und ja klar - eine soziale lücke.
homophob, hm?
soll ich jetzt mal GANZ LAUT "BUH" machen?
pollykrohm - 25. Mai, 20:37

schrecke schon bei der androhung zusammen.. aber mein schlaf wird vermutlich eh gruselig, weil ich mir gerade fiese parasitierende wespen im fernsehen ansehen mußte.
Eskorte fragile - 25. Mai, 21:24

dann schicke ich ihnen einen ausgiebigen, homophilen nachtgruss und wünsche wohl geruht zu haben.
Sandra (Gast) - 26. Mai, 19:55

Liebes...

Wow, schöne Bilder, das geschriebene und das fotografierte! Dein Nachbar ist sehr süß, er hat mir eben das Herz gewärmt. Lehn bloß nie das Kissen ab, wehe, ich könnte es nicht ertragen...

So, wie versprochen schreib ich jetzt!
bis später
S.

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