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Die Metapher ist tot

Möge sie in Frieden ruhen.
Ich ruhe nicht. Ich tigere auf und ab, in der Hoffnung, meine Wut irgendwo zu lassen - am Besten dort, wo sie hingehört, aber wohin gehört sie? Wut kommt von allzu viel Traurigkeit, sagt man. Und traurig ist es allemal, wenn man sich ansieht, für welches Geschreibe Preise vergeben und auf welches Lobgerede veranstaltet wird.
Die Böswilligen könnten mir Neid unterstellen, schließlich bin ich auch nur ein Mensch, aber nein - das ist es nicht. Es ist nur so, dass mir diese Prime-stories regelmäßig kalte Füße verursachen. Und Wut.
Wut darüber, dass sich etwas in die Literatur eingeschlichen und sich zu einer regelrechten Mode entwickelt hat und niemandem scheint es aufzufallen, wie eintönig und beliebig dieses Geseiere ist. So beliebig, als erzähle man von irgendwem. Besitzanzeigende Fürwörter scheinen zum ultimativen Oberpfui mutiert zu sein, es ist einfach unmöglich "meine Mutter" zu schreiben. Immer ist es nur "die Mutter", damit auch garantiert genug Abstand gewahrt wird.
Blutleer muss es sein und so einengen muss es einen beim Lesen, dass man klaustrophobische Zustände entwickelt, vervielfacht durch die Effekthascherei dieser Beliebigkeit, die sich in viel zu vielen Texten wiederfindet.
Wir haben ein neues Klischee, dass (noch) erfolgreich als Nicht-Klischee, als Original, als einzigartig bezeichnet wird. Nichts wird mehr erzählt. Schablonenhaft kühl muss es sein wie ein Diavortrag ohne Text über Unbekannte, die in ihrem Nichtanderskönnen ersticken. Und wir schauen lesend, als ginge uns das alles nichts an, vermeiden jede Berührung.
Die Umstände näher zu beleuchten wird vermieden wie die Pest, ebenso namenlos wie die Protagonisten taumeln die unterschwelligen Katastrophen durch unsichtbare Katakomben des Innenlebens. Sie werden hergezeigt wie nacktes Fleisch und an vergilbte Wände gepinnt, aber benannt werden sie niemals. Und in diesem Schweigen schläft die Enge, die Unentrinnbarkeit, die jedem freiheitsliebenden Menschen die Luft zum Atmen abdrückt. Nicht nur die Metapher ist tot, auch die Schönheit der Sprache und wir feiern sie, als hätten wir keine Ahnung, dass mit ihrem Tod auch wir sterben.
Als Nachtlektüre hatte ich eine Kurzgeschichte von Katharina Benedixen, Gewinnerin des Buchjorunal-Schreibwettbewerbes zum Thema "Was bedeutet das eigentlich - Heimat?". Mir ist wohl klar, dass dieses Bemühen um Abstand und das Herzeigen übelerregender Familiensituationen absichtlich mit dem Effekt der Beliebigkeit praktiziert wird - etwas ZU absichtlich für meinen Geschmack.
Und damit Sie wissen, wovon ich spreche, ein kleiner Auszug aus dieser Gewinner-Story, die mir die Nackenhaare aufstellt - und zwar nicht wegen des Inhalts:

"Kellerfenster und Fußbodenheizung

"Da bist du also wieder zu Hause", sagt die Mutter, und ich denke, da bin ich also wieder zu Hause. Ob die Fahrt gut gewesen sei, will sie wissen, das sei sie gewesen, ja, sage ich. Aber der Schnee, wirft die Mutter ein, nun sei ich ja da, sage ich, und die Autobahnen seien gut geräumt gewesen. Dass sie das immer gut machen, lobt die Mutter, und ich nicke ein bisschen zu häufig, während wir das Haus betreten.
Die Mutter und ich sagen "ja" zur gleichen Zeit, und ich packe die Hausschuhe aus, die neben dem Nachthemd in der Tasche liegen. Der Flur ist frisch gestrichen, man tiecht noch die Farbe.
Schön hätten sie das gemacht, sage ich, und ide Mutter murmelt etwas vor sich hin und sagt dann, dass ich erst mal die Küche sehen sollte, die sei noch viel besser geworden. Dass man sich das gar nicht vorstellen könne, wo der FLur schon so gut und so neu sei, erwidere ich, wei ich weiß, dass sie sich dann vorläufig freut. Die Küche hat jetzt eine Fußbodenheizung, das hat mir die Mutter schon am Telefon erzählt, und so einen modischen Herd mit Cerankochfeld, aber der Elektroherd sei doch besser gewesen. Aber in diesem Küchenstudio hätteen sie ihr das eigeredet und sie danach beinahe gezwungen, den Vertrag zu unterschreiben."
[usw. und etwas später:]
"Die Küche hat eine Fußbodenheizung und ein Cerankochfeld, meine Hausschuhe könne ich gleich wieder ausziehen, sagt die Mutter, das sei jetzt nicht mehr so wie früher, man müsse nich timmerzu Hausschuhe tragen wegen der neuen Küche mit Fußbodenheizung und Cerankochfeld, und dabei lacht sie, als wäre das Laufen und Sitzen in Socken der größte Vorteil der neuen Küche.
Ich stelle sie ordentlich an den Rand der Küchenbank und richte sie parallel aneinander aus, weil ich weiß, dass der Vater sich darüber vorläufig freut. Der Vater sagt, ohne Hausschuhe, ob ich denn meine ganze Erziehung vergessen habe, was für Sitten denn in der Stadt herschten, als er aus dem Keller kommt, um mich zu begrüßen.
Ich rutsche zum Rand der Bank, ziehe die Hausschuhe wieder an und gebe ihm die Hand.
"Schön", sagt er dabei.
Wir trinken Kaffee und essen Kuchen, obwohl es dafür eigentlich schon zu spät ist. Eine Ausnahme sei das heute, sagt der Vater, und die Mutter nickt dabei, sonst gebe es immer um drei Kaffee und nicht erst um fünf. Weil ich aber so lange arbeiten müsse, sagte der Vater, eine kleine Ausnahme, nur heute, nicht dass ich denke, sie machten das immer so. Dass ich das nicht denken würde, sage ich, während sich Kuchen und Kaffee zu einer klumpigen, schwer verdaulichen Masse in meinem Mund vermischen. Als ich sage, dass mir eine Tasse Kaffee reiche, schenkt die Mutter mir trotzdem nach, zwei Tassen Kaffee würden am Nachmittag getrunken, sagt der Vater und lächelt, als wäre das lustig."
[usw. usf.]
Maiglöckchen (anonym) - 19. Sep, 15:52

Liebe Eve,

ganz ehrlich, so ganz kann ich deine Wut nicht verstehen. Denn wahrhaftig: es gibt so viel schlechteres, so viel belangloseres, soviel beliebigeres Geschreibsel, das so gar nichts aussagt. Ich finde nicht, dass man das dem Text unterstellen kann. Auch wenn das jetzt nicht die Art von Literatur ist, die mich persönlich vom Hocker reißt, denn da fehlt mir jegliche Melodie, Poesie und Metapher, wie du sagst. Aber er sagt etwas aus und das tut er auf seine Art. Und ich kann verstehen, dass man einfach nicht "meine Mutter" oder "mein Vater" schreiben kann, denn da ist soviel Abstand, dass man es schlichtweg nicht so empfinden kann. Es ist nunmal dann nur ein "besitzanzeigendes Pronomen" und es sagt so gar nichts über die Bindung aus, sondern eben nur über einen angeblichen Besitz. (So fällt es auch schwer, unter einen Brief "deine Tochter xy" zu schreiben...) Und indem man so unpersönlich von "dem Vater" oder "der Mutter" schreibt, drückt man ja diese Distanz sehr gut aus. Und dafür plädierst du ja, auszudrücken, was man empfindet. Und da scheint eben nur Abstand zu sein, unüberbrückbarer Abstand, wie kann man da von "mein" sprechen? Zu sagen, ich bin dein und du bist mein, das ist etwas sehr inniges und ganz ehrlich, ich könnte das in dem Fall auch nicht.
Liebe Grüße
Ines
P.S.: Lese gerade ein wunderschönes Buch, "Die See" von John Banville. Es ist wunderbar!!! Wäre was zur Beruhigung.

Eskorte fragile - 19. Sep, 22:50

liebe i.,
möglicherweise war ich in meiner aufregung gestern nicht besonders gut dazu in der lage, mich verständlich auszudrücken :-)
es geht mir gar nicht so speziell um DIESE geschichte hier, die ist nur ein beispiel für 100.000 ähnliche, die es tatsächlich auch gibt und die nicht nur von mir angenommen werden. es geht mir um die verherrlichung einer schreibkultur, die zum himmel mieft. ich habe auch weder dorthin, noch zu etwas vergleichbarem einen text eingereicht, der abgelehnt worden wäre (nur prophylaktisch dazu gesagt), mit der man bequem diese verärgerung erklären könnte.
ich habe mich vor allem deshalb so aufgeregt, weil das inzwischen modisch gewordene abstandsgeschreibe zu einem klischee verkommt und kein schwein merkts. im gegenteil, es wird als ach-so-originell und einzigartig gepriesen bis dass der arzt kommt.
vielleicht kann man diese aufregung auch nur verstehen, wenn man sich - und sei es auch nur interessehalber - mal so durchliest, was für stories bepreist werden und zwar von hochkarätigen jurys, die es doch eigentlich besser wissen sollten. und wenn man sich hin und wieder in literaturforen herumtreibt, die sich nicht einem speziellen genre verschrieben haben.
diese überaus stylish und künstlich heran gezüchtete form von herzeigen hat ganz sicher ihre guten seiten: sie beschränkt sich ausschließlich auf das zeigen und benennt überhaupt nichts und der leser bekommt den besten eindruck, den er von der situation überhaupt bekommen kann, weil die hergezeigte klaustrophobische enge in seiner unbenannten subtilität etwas mit ihm macht. das ist eine kunst. und auch nicht das, was mir so den abend verhagelt hat.
den abend hat mir verhagelt, dass es bereits die 100.000 ähnlichen stories vorher schon gab und dass es inzwischen mode geworden ist, diese effekthascherei mit berechneter absicht herbeizuführen und dass dieses unterkühlte geschreibe noch immer nicht als klischee wahrgenommen wird, im gegenteil.
eine freundin erzählte mir heute eine wirklich lustige geschichte, die sich auf den letzten bachmann-preis bezieht. die dame, die den gewann hat vorher noch keine zeile an belletristik von sich gegeben (und wirds auch nach eigenen aussagen im nachhinein nie wieder tun). nachdem sie gewonnen hatte, gab sie ein öffentliches statement von sich, dass sie genau gewusst hätte, wie sie schreiben muss, damit sie diesen preis einheimsen kann und hat damit im grunde, die gesamte jury vorgeführt wie ein haufen rosa gefärbter pudel. die dame fand ich wirklich famos!
es ist dieses berechnete, dass ich in allen ecken finde, dass mir den magen umdreht, das mit erzählen eigentlich nichts mehr zu tun hat, geschweige denn mit schönem. es ist die tatsache, dass ich katastrophen mit einem kunstgriff einfach in eine beliebige nebensachen-erzählung verpacken kann, dass mir sodann nachgesagt werden kann: ich bin ein könner. ich könne schreiben. möglicherweise habe ich diesen absichtlich herbeigeführten effekt auch nur ein- oder zweimal zu oft gesehen. diese sichtbare ABSICHT ist es, die mir stinkt, die für mein erachten so weit von kreativität entfernt wie eine verkantschraube von einem heeringsbrötchen, die aber als so erlesen kreativ in den himmel gehoben wird. ich versteh als leser zwar, was mir gezeigt werden soll, was ich sehen und verstehen soll, aber ich fühle mich von diesem beabsichtigten genauso an der nase herumgeführt.
vielleicht wehre ich mich auch einfach gegen dieses berechenbare herzeigen, das auch beim 350.000 versuch einen preis bekommt.
verstehst du, was ich mein?
liebe grüße
eve
maiglöckchen (anonym) - 20. Sep, 12:18

Liebe Eve,
das ist ein spannendes Thema! Und darüber würde ich gerne mal mit dir reden. Nur nicht hier.
Liebe Grüße
Ines

Eskorte fragile - 20. Sep, 13:24

das machen wir. ich hatte gestern schon eine heftigen diskusion darüber in der leselupe und eine gute und verständige stunde mit benannter freundin :-)

im grunde - und wenn man es mal mies formulieren will - genügt es völlig aus, ein hervorragender manipulator zu sein. schreiben muss man nur noch im ansatz können.

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