ganz ehrlich, so ganz kann ich deine Wut nicht verstehen. Denn wahrhaftig: es gibt so viel schlechteres, so viel belangloseres, soviel beliebigeres Geschreibsel, das so gar nichts aussagt. Ich finde nicht, dass man das dem Text unterstellen kann. Auch wenn das jetzt nicht die Art von Literatur ist, die mich persönlich vom Hocker reißt, denn da fehlt mir jegliche Melodie, Poesie und Metapher, wie du sagst. Aber er sagt etwas aus und das tut er auf seine Art. Und ich kann verstehen, dass man einfach nicht "meine Mutter" oder "mein Vater" schreiben kann, denn da ist soviel Abstand, dass man es schlichtweg nicht so empfinden kann. Es ist nunmal dann nur ein "besitzanzeigendes Pronomen" und es sagt so gar nichts über die Bindung aus, sondern eben nur über einen angeblichen Besitz. (So fällt es auch schwer, unter einen Brief "deine Tochter xy" zu schreiben...) Und indem man so unpersönlich von "dem Vater" oder "der Mutter" schreibt, drückt man ja diese Distanz sehr gut aus. Und dafür plädierst du ja, auszudrücken, was man empfindet. Und da scheint eben nur Abstand zu sein, unüberbrückbarer Abstand, wie kann man da von "mein" sprechen? Zu sagen, ich bin dein und du bist mein, das ist etwas sehr inniges und ganz ehrlich, ich könnte das in dem Fall auch nicht.
Liebe Grüße
Ines
P.S.: Lese gerade ein wunderschönes Buch, "Die See" von John Banville. Es ist wunderbar!!! Wäre was zur Beruhigung.
liebe i.,
möglicherweise war ich in meiner aufregung gestern nicht besonders gut dazu in der lage, mich verständlich auszudrücken :-)
es geht mir gar nicht so speziell um DIESE geschichte hier, die ist nur ein beispiel für 100.000 ähnliche, die es tatsächlich auch gibt und die nicht nur von mir angenommen werden. es geht mir um die verherrlichung einer schreibkultur, die zum himmel mieft. ich habe auch weder dorthin, noch zu etwas vergleichbarem einen text eingereicht, der abgelehnt worden wäre (nur prophylaktisch dazu gesagt), mit der man bequem diese verärgerung erklären könnte.
ich habe mich vor allem deshalb so aufgeregt, weil das inzwischen modisch gewordene abstandsgeschreibe zu einem klischee verkommt und kein schwein merkts. im gegenteil, es wird als ach-so-originell und einzigartig gepriesen bis dass der arzt kommt.
vielleicht kann man diese aufregung auch nur verstehen, wenn man sich - und sei es auch nur interessehalber - mal so durchliest, was für stories bepreist werden und zwar von hochkarätigen jurys, die es doch eigentlich besser wissen sollten. und wenn man sich hin und wieder in literaturforen herumtreibt, die sich nicht einem speziellen genre verschrieben haben.
diese überaus stylish und künstlich heran gezüchtete form von herzeigen hat ganz sicher ihre guten seiten: sie beschränkt sich ausschließlich auf das zeigen und benennt überhaupt nichts und der leser bekommt den besten eindruck, den er von der situation überhaupt bekommen kann, weil die hergezeigte klaustrophobische enge in seiner unbenannten subtilität etwas mit ihm macht. das ist eine kunst. und auch nicht das, was mir so den abend verhagelt hat.
den abend hat mir verhagelt, dass es bereits die 100.000 ähnlichen stories vorher schon gab und dass es inzwischen mode geworden ist, diese effekthascherei mit berechneter absicht herbeizuführen und dass dieses unterkühlte geschreibe noch immer nicht als klischee wahrgenommen wird, im gegenteil.
eine freundin erzählte mir heute eine wirklich lustige geschichte, die sich auf den letzten bachmann-preis bezieht. die dame, die den gewann hat vorher noch keine zeile an belletristik von sich gegeben (und wirds auch nach eigenen aussagen im nachhinein nie wieder tun). nachdem sie gewonnen hatte, gab sie ein öffentliches statement von sich, dass sie genau gewusst hätte, wie sie schreiben muss, damit sie diesen preis einheimsen kann und hat damit im grunde, die gesamte jury vorgeführt wie ein haufen rosa gefärbter pudel. die dame fand ich wirklich famos!
es ist dieses berechnete, dass ich in allen ecken finde, dass mir den magen umdreht, das mit erzählen eigentlich nichts mehr zu tun hat, geschweige denn mit schönem. es ist die tatsache, dass ich katastrophen mit einem kunstgriff einfach in eine beliebige nebensachen-erzählung verpacken kann, dass mir sodann nachgesagt werden kann: ich bin ein könner. ich könne schreiben. möglicherweise habe ich diesen absichtlich herbeigeführten effekt auch nur ein- oder zweimal zu oft gesehen. diese sichtbare ABSICHT ist es, die mir stinkt, die für mein erachten so weit von kreativität entfernt wie eine verkantschraube von einem heeringsbrötchen, die aber als so erlesen kreativ in den himmel gehoben wird. ich versteh als leser zwar, was mir gezeigt werden soll, was ich sehen und verstehen soll, aber ich fühle mich von diesem beabsichtigten genauso an der nase herumgeführt.
vielleicht wehre ich mich auch einfach gegen dieses berechenbare herzeigen, das auch beim 350.000 versuch einen preis bekommt.
verstehst du, was ich mein?
liebe grüße
eve
ganz ehrlich, so ganz kann ich deine Wut nicht verstehen. Denn wahrhaftig: es gibt so viel schlechteres, so viel belangloseres, soviel beliebigeres Geschreibsel, das so gar nichts aussagt. Ich finde nicht, dass man das dem Text unterstellen kann. Auch wenn das jetzt nicht die Art von Literatur ist, die mich persönlich vom Hocker reißt, denn da fehlt mir jegliche Melodie, Poesie und Metapher, wie du sagst. Aber er sagt etwas aus und das tut er auf seine Art. Und ich kann verstehen, dass man einfach nicht "meine Mutter" oder "mein Vater" schreiben kann, denn da ist soviel Abstand, dass man es schlichtweg nicht so empfinden kann. Es ist nunmal dann nur ein "besitzanzeigendes Pronomen" und es sagt so gar nichts über die Bindung aus, sondern eben nur über einen angeblichen Besitz. (So fällt es auch schwer, unter einen Brief "deine Tochter xy" zu schreiben...) Und indem man so unpersönlich von "dem Vater" oder "der Mutter" schreibt, drückt man ja diese Distanz sehr gut aus. Und dafür plädierst du ja, auszudrücken, was man empfindet. Und da scheint eben nur Abstand zu sein, unüberbrückbarer Abstand, wie kann man da von "mein" sprechen? Zu sagen, ich bin dein und du bist mein, das ist etwas sehr inniges und ganz ehrlich, ich könnte das in dem Fall auch nicht.
Liebe Grüße
Ines
P.S.: Lese gerade ein wunderschönes Buch, "Die See" von John Banville. Es ist wunderbar!!! Wäre was zur Beruhigung.
möglicherweise war ich in meiner aufregung gestern nicht besonders gut dazu in der lage, mich verständlich auszudrücken :-)
es geht mir gar nicht so speziell um DIESE geschichte hier, die ist nur ein beispiel für 100.000 ähnliche, die es tatsächlich auch gibt und die nicht nur von mir angenommen werden. es geht mir um die verherrlichung einer schreibkultur, die zum himmel mieft. ich habe auch weder dorthin, noch zu etwas vergleichbarem einen text eingereicht, der abgelehnt worden wäre (nur prophylaktisch dazu gesagt), mit der man bequem diese verärgerung erklären könnte.
ich habe mich vor allem deshalb so aufgeregt, weil das inzwischen modisch gewordene abstandsgeschreibe zu einem klischee verkommt und kein schwein merkts. im gegenteil, es wird als ach-so-originell und einzigartig gepriesen bis dass der arzt kommt.
vielleicht kann man diese aufregung auch nur verstehen, wenn man sich - und sei es auch nur interessehalber - mal so durchliest, was für stories bepreist werden und zwar von hochkarätigen jurys, die es doch eigentlich besser wissen sollten. und wenn man sich hin und wieder in literaturforen herumtreibt, die sich nicht einem speziellen genre verschrieben haben.
diese überaus stylish und künstlich heran gezüchtete form von herzeigen hat ganz sicher ihre guten seiten: sie beschränkt sich ausschließlich auf das zeigen und benennt überhaupt nichts und der leser bekommt den besten eindruck, den er von der situation überhaupt bekommen kann, weil die hergezeigte klaustrophobische enge in seiner unbenannten subtilität etwas mit ihm macht. das ist eine kunst. und auch nicht das, was mir so den abend verhagelt hat.
den abend hat mir verhagelt, dass es bereits die 100.000 ähnlichen stories vorher schon gab und dass es inzwischen mode geworden ist, diese effekthascherei mit berechneter absicht herbeizuführen und dass dieses unterkühlte geschreibe noch immer nicht als klischee wahrgenommen wird, im gegenteil.
eine freundin erzählte mir heute eine wirklich lustige geschichte, die sich auf den letzten bachmann-preis bezieht. die dame, die den gewann hat vorher noch keine zeile an belletristik von sich gegeben (und wirds auch nach eigenen aussagen im nachhinein nie wieder tun). nachdem sie gewonnen hatte, gab sie ein öffentliches statement von sich, dass sie genau gewusst hätte, wie sie schreiben muss, damit sie diesen preis einheimsen kann und hat damit im grunde, die gesamte jury vorgeführt wie ein haufen rosa gefärbter pudel. die dame fand ich wirklich famos!
es ist dieses berechnete, dass ich in allen ecken finde, dass mir den magen umdreht, das mit erzählen eigentlich nichts mehr zu tun hat, geschweige denn mit schönem. es ist die tatsache, dass ich katastrophen mit einem kunstgriff einfach in eine beliebige nebensachen-erzählung verpacken kann, dass mir sodann nachgesagt werden kann: ich bin ein könner. ich könne schreiben. möglicherweise habe ich diesen absichtlich herbeigeführten effekt auch nur ein- oder zweimal zu oft gesehen. diese sichtbare ABSICHT ist es, die mir stinkt, die für mein erachten so weit von kreativität entfernt wie eine verkantschraube von einem heeringsbrötchen, die aber als so erlesen kreativ in den himmel gehoben wird. ich versteh als leser zwar, was mir gezeigt werden soll, was ich sehen und verstehen soll, aber ich fühle mich von diesem beabsichtigten genauso an der nase herumgeführt.
vielleicht wehre ich mich auch einfach gegen dieses berechenbare herzeigen, das auch beim 350.000 versuch einen preis bekommt.
verstehst du, was ich mein?
liebe grüße
eve