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Auftakt

Das Eindrücklichste des Tages war Folgendes:
Morgens ist es verflucht kalt.
Es gibt Menschen, die machen aus dem Aussteigen aus der Bahn eine Zeremonie. Besonders wenn sie einen Fensterplatz haben. Zuerst falten sie ihre Zeitung, schauen auf, ob der Wille zum Aussteigen schon genügend demonstriert wurde. So mache ich mich mit Rucksack und Buch auf dem Schoß schon mal bereit, meine Beine schwungvoll in den Gang zu werfen, damit der Fensterfahrer ohne einen Sekundenbruchteil der Verzögerung aus der Knieklemme der Gangfahrer kommt (meistens bin ich der alleinige Beinschwinger - mein Gegenüber kümmert's nicht).
Und da ich nun mal diese Aufgabe zu haben scheine, den Fenstersitzern freies Geleit zu sichern, schaue ich zu, dass ich auch immer aufmerksam genug bin und verfolge das Ausstiegsritual mit anteilnehmendem Interesse.
Schließlich ist mir die Freiheit meiner Mitmenschen heilig.
Hat der zeitungslesende Fensterfahrer seine Zeitung in den Rucksack gestopft oder behutsam in den Aktenkoffer gelegt, als gelte es, das Kleid der heiligen Junngfrau Maria der banalen Obhut eines Kleiderschrankes zu übergeben, wird er wieder aufschauen, wird schon mal den Henkel des Koffers - den Träger des Rucksackes in die Hand nehmen, damit auch kein Mißverständnis darüber aufkommt, dass er ganz gleich aussteigen muss.
Dann wird er es sich noch einmal gemütlich machen und gelangweilt aus dem Fenster sehen, so als würde er noch fünf Mal von Endstelle zu Endstelle fahren wollen.
Manchmal wird das Henkelanfassen und wieder loslassen noch einige Male wiederholt - immer begleitet von einem Aufschauen, einer Sondierung des Knieabstandes der Gangsitzer sowie der Gesichter, vielleicht, um die Bereitschaft eines Beinschwingers auszukundschaften oder um rechtzeitig zu erkennen, dass man sich ggfs. durch Skulpturen aus Granit wird bewegen müssen - die Zeit dafür im Kopf zu überschlagen, die es braucht, um ggfs. über die unnachgiebigen Knie hinweg zu steigen oder sich gewaltsam hindurch zu quetschen. All das will berücksichtigt sein. Und all das hat meistens länger Zeit, als bis zum nächsten Halt, so dass ich permanent damit beschäftigt sein muss, per Augenkontakt zu versichern, dass er sich entspannen kann, dass ich sein Anliegen verstanden habe und dass ich bereitwillig Platz machen werde.
Auf dem Heimweg gehe ich über die verwurzelte Wiese. Ein älterer Herr mit Lodenmantel und Häkelkäppchen (der türkischen Art) schwenkt vor mir so scharf in die hüfthohe, verfilzte Wiese, die rechts und links von dem Trampelpfädchen wuchert, dass wir beinahe zusammen stoßen. Ich frage mich, wo er wohl hin will, denn in der Richtung, die er eingeschlagen hat und in die er nun tapfer stapft, liegt nur der Wald.
Ich gehe weiter und mir fällt das kleine Buch ein, dass ich gemacht habe, als ich noch ein Kind war. Ich weiß nicht warum, aber es fällt mir ein. Meine Mutter hat es mir diesen Sommer mitgebracht - sie hat es über 15 Jahre aufgehoben - und sie hat es mir ausgerechnet diesen Sommer gebracht.
Es war vielleicht 10 Quadratcentimeter groß und besaß einen Einband aus Pappe, die ich von der Rückseite eines Zeichenblocks ausgeschnitten hatte. In dem Buch ging es um einen kleinen Hund, der kein Zuhause hatte. Er lief überall hin und fragte, ob er bleiben dürfe, aber niemand wollte ihn haben. Bis er zuletzt an einen kleinen Jungen geriet, der sich über ihn freute und der ihn gern behielt, so dass er endlich ein Heim hatte.
Die Vorderseite bemalte ich mit einem Hundegesicht vor einem roten Hintergrund, die Rückseite wurde ganz rot. Den Einband lackierte ich dann noch mit farblosem Lack, ganz nach dem Vorbild der gedruckten Minibücher, von denen ich nie eins besaß, weil es die im Osten nicht gab.
Eine kleine, plumpe Kindergeschichte war das, aber sie zeigt mir, dass ich wohl schon damals nach Hause wollte.
Und die Arbeit - ja. Was habe ich heute gemacht? Wo war ich heute? Wer kann das sagen?
Nichts habe ich gemacht und Niemanden gab es dort. Es bewegten sich zwar Wesen, die menschlich aussahen, aber sie waren ganz unsichtbar. Sie waren ganz in sich verschwunden, ganz aus diesem Büro verschwunden - oder nein: ich glaube, sie waren noch nie da.
Es war so, als hätte jemand einen grauen Schleier über das langweiligste Szenario, das die Welt je gesehen hat, gezogen, als gäbe es dort tatsächlich noch etwas zu verbergen zwischen den Aktenschränken und Wänden.
Erschreckt hat mich das. Wirklich erschreckt.
Ob das wohl ansteckend ist?

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