Tag der außergewöhnlichen Gesichter
Lange habe ich nicht so viele Menschen gesehen. So fahre und laufe ich und bestaune sie. Jeden Tag gibt es neue.
Am Morgen der Weg über die dunkle Wiese - alleine noch - dampfende Atemstöße und klamme Finger - am Bahnsteig das grüne Morgendämmern hinter der beleuchteten Bahnhofsuhr mit einem Streifen orange, der Sonne verspricht und den letzten Rest Herbstwärme.
Da kommen sie schon, die Ersten.
Neben mir ein Junge. Ganz versteckt ist er in seine Kapuze und noch so klein. Die Wangen leuchten rot vom Rollerfahren.
In der Bahn wird er mir gegenüber sitzen, wird sein beeindruckendes Mienenspiel zum Besten geben - so ungewöhnlich tief für ein Kind. So wissend.
Hin und wieder spricht er mit sich selbst, beschimpft seinen Rucksack, seinen Roller, weil alles fällt und nichts dort bleibt, wo er es gern hätte.
Später dann werden auch die Handschuhe unmöglich, mit denen er versucht, in einem wunderschönen Notizbuch zu blättern. Ich werde mich fragen, was da wohl drin stehen mag, was solch eine liebevolle Aufmerksamkeit verdient. Ganz andächtig schaut er hinein und bewegt nur leise die Lippen beim Lesen. Er hat Lippen wie Rosenblätter.
Mit dem ganzen Gesicht wird er schimpfen und mit dem ganzen Gesicht wird er lachen, als eine Frau neben ihm ihre Tasche fallen lässt. Und ich - ich werde mich nicht satt sehen können an ihm.
Am Abend dann ist es ein Mann. Auch er wird mir gegenüber sitzen - seine Ellenbogen auf die Knie stützen, bis ich ihn anschaue - über mein Buch direkt in sein Gesicht - damit noch etwas dazwischen ist, zwischen uns - dann auf seine Hände, auf die schöne, schwere Uhr, die auf den ersten Blick das einzig Auffällige an ihm ist.
Für ihn werde ich mich fast noch mehr begeistern können, als für den Jungen vom grünen Morgen. Weil er so schön ist auf den zweiten Blick - weil das Schöne so verborgen liegt, und weil er alle Dinge sieht, die um ihn herum sind. Sehr aufmerksam wird er sich alles ansehen. Auch mich. Und schweigend werden wir einander verstehen - in die Tiefe wird er seine Schleifen ziehen - in meine - und an den Innenwänden entlangstreifen - leise und scheu und nichts unberührt lassen - außer vielleicht das Übliche, das Männer und Frauen verbindet.
Wenn sich unsere Augen begegnen, wird er schnell aus dem Fenster sehen. Sie sind ganz blau - seine Augen - und wie Trichter sind sie - nichts, worin man sich haltlos verlieren könnte, nein - aber etwas, worin ich willkommen bin, was mich nach innen einlädt. Über zwei harten Wangenknochen liegen sie, auf denen manchmal die großen Hände abgelegt werden, weil er sonst nicht weiß, wohin mit ihnen, und die mehr zeigen, als sie verbergen.
Ein Gespräch ohne Worte werde ich mit ihm beginnen, werde ihm erzählen, wie schön ich ihn finde, wie schön es ist, dass er da ist - mir gegenüber - dass ich ihn ansehen darf, obwohl ich darauf acht gebe, nicht unhöflich zu starren, auch wenn ich es gern täte.
Für einige Stunden würde ich das gern tun, bis ich alles aufgesogen habe von ihm und verstanden - bis ich dieses ganz Zarte, ganz Verständige und Ruhige eingeatmet habe und er ein Teil von mir geworden ist.
Kein Wort darüber wird meine Lippen verlassen, deren Bewegungen unnötiger geworden sind, als zu allen Zeiten. Ich werde es nicht müssen, denn es wird zu sehen, zu spüren sein, dass er es auch so ganz genau weiß.
Ich werde mir meine Kamera herbei wünschen und gleichzeitig wissen, dass es ein Sakrileg gewesen wäre, ihn so festzuhalten. Weil diese scheue, schöne, zarte Begegnung nur in diesem Augenblick so sein wird. Und weil das Schöne nicht sichtbar genug hätte sein können - zusammen gesetzt aus den gespeicherten, toten Pixeln meiner Kamera.
Am Morgen der Weg über die dunkle Wiese - alleine noch - dampfende Atemstöße und klamme Finger - am Bahnsteig das grüne Morgendämmern hinter der beleuchteten Bahnhofsuhr mit einem Streifen orange, der Sonne verspricht und den letzten Rest Herbstwärme.
Da kommen sie schon, die Ersten.
Neben mir ein Junge. Ganz versteckt ist er in seine Kapuze und noch so klein. Die Wangen leuchten rot vom Rollerfahren.
In der Bahn wird er mir gegenüber sitzen, wird sein beeindruckendes Mienenspiel zum Besten geben - so ungewöhnlich tief für ein Kind. So wissend.
Hin und wieder spricht er mit sich selbst, beschimpft seinen Rucksack, seinen Roller, weil alles fällt und nichts dort bleibt, wo er es gern hätte.
Später dann werden auch die Handschuhe unmöglich, mit denen er versucht, in einem wunderschönen Notizbuch zu blättern. Ich werde mich fragen, was da wohl drin stehen mag, was solch eine liebevolle Aufmerksamkeit verdient. Ganz andächtig schaut er hinein und bewegt nur leise die Lippen beim Lesen. Er hat Lippen wie Rosenblätter.
Mit dem ganzen Gesicht wird er schimpfen und mit dem ganzen Gesicht wird er lachen, als eine Frau neben ihm ihre Tasche fallen lässt. Und ich - ich werde mich nicht satt sehen können an ihm.
Am Abend dann ist es ein Mann. Auch er wird mir gegenüber sitzen - seine Ellenbogen auf die Knie stützen, bis ich ihn anschaue - über mein Buch direkt in sein Gesicht - damit noch etwas dazwischen ist, zwischen uns - dann auf seine Hände, auf die schöne, schwere Uhr, die auf den ersten Blick das einzig Auffällige an ihm ist.
Für ihn werde ich mich fast noch mehr begeistern können, als für den Jungen vom grünen Morgen. Weil er so schön ist auf den zweiten Blick - weil das Schöne so verborgen liegt, und weil er alle Dinge sieht, die um ihn herum sind. Sehr aufmerksam wird er sich alles ansehen. Auch mich. Und schweigend werden wir einander verstehen - in die Tiefe wird er seine Schleifen ziehen - in meine - und an den Innenwänden entlangstreifen - leise und scheu und nichts unberührt lassen - außer vielleicht das Übliche, das Männer und Frauen verbindet.
Wenn sich unsere Augen begegnen, wird er schnell aus dem Fenster sehen. Sie sind ganz blau - seine Augen - und wie Trichter sind sie - nichts, worin man sich haltlos verlieren könnte, nein - aber etwas, worin ich willkommen bin, was mich nach innen einlädt. Über zwei harten Wangenknochen liegen sie, auf denen manchmal die großen Hände abgelegt werden, weil er sonst nicht weiß, wohin mit ihnen, und die mehr zeigen, als sie verbergen.
Ein Gespräch ohne Worte werde ich mit ihm beginnen, werde ihm erzählen, wie schön ich ihn finde, wie schön es ist, dass er da ist - mir gegenüber - dass ich ihn ansehen darf, obwohl ich darauf acht gebe, nicht unhöflich zu starren, auch wenn ich es gern täte.
Für einige Stunden würde ich das gern tun, bis ich alles aufgesogen habe von ihm und verstanden - bis ich dieses ganz Zarte, ganz Verständige und Ruhige eingeatmet habe und er ein Teil von mir geworden ist.
Kein Wort darüber wird meine Lippen verlassen, deren Bewegungen unnötiger geworden sind, als zu allen Zeiten. Ich werde es nicht müssen, denn es wird zu sehen, zu spüren sein, dass er es auch so ganz genau weiß.
Ich werde mir meine Kamera herbei wünschen und gleichzeitig wissen, dass es ein Sakrileg gewesen wäre, ihn so festzuhalten. Weil diese scheue, schöne, zarte Begegnung nur in diesem Augenblick so sein wird. Und weil das Schöne nicht sichtbar genug hätte sein können - zusammen gesetzt aus den gespeicherten, toten Pixeln meiner Kamera.
Eskorte fragile - 18. Okt, 21:01







dir das beobachten und schreiben frei zu kämpfen... tut dir gut und du siehst so viel... und es ist schön zu lesen.