Die Sünden der Väter
„Die Sünden der Väter werden heimgesucht an den Kindern.“
Man spricht auch von Erbsünde. Dass wir uns keine Gedanken mehr darüber machen müssen, beweisen uns die jüngsten Ereignisse, vor allem die Tatsache, dass die NPD ungestraft im Sächsischen Landtag antisemitische Hetze betreibt und dass unsere jungen Wähler im Osten Deutschlands zu 20 % die NPD wählen. Doch wir haben ja nun das neu errichtete Holocaust-Mahnmal zum Gedenktag in Berlin, das unsere fortschreitende Alzheimer im Zaum halten soll.
Gottlob sind die Hände der jüngeren Generationen von der Schuld rein gewaschen und wir können es der Politik überlassen, alles Verfassungswidrige zu verbieten. So können wir uns also beruhigt zurück lehnen und dieses leidige Thema – wie alles andere auch – denen in den Schoß legen, die an den Hebeln sitzen, und können uns einreden, dass der Holocaust nur ein Märchen ist, dazu ausgelegt, das Beste, was wir je hatten, in den Schmutz zu ziehen.
Vergessen wir doch einfach die Bilder der ausgemergelten Überlebenden, die die Russen 1945 mehr tot als lebendig aus den KZ´s befreiten. Vergessen wir Namen wie Joseph Mengele und Maria Mandel, vergessen wir die gelben Sterne, Progrome und Leichenberge. Könnte alles glatt gelogen sein, und wenn nicht das, so ist es doch schon verdammt lange her.
Zugegeben, es ist schon etwas lästig, dieses ewige Rühren im Dreck der Deutschen Geschichte, der anklagende Blick der gesichtslosen Masse ermordeter Juden, Zigeuner und Andersartiger, das immer währende Verbeugen und Bedauern. Schaufeln wir uns die Asche der Vergasten nicht länger über die Häupter. Immerhin hat Hitler den Deutschen die Autobahn geschenkt und Arbeit. Jawoll! Und jede Menge Geld hat er gespart durch diese äußerst effiziente Weise der Problemlösung. Und immerhin gabs da eine Perspektive, eine Zukunft, einen Mythos – einen arischen.
Wie gut auch, dass der Zentralrat der Juden Spiegel das Gewicht vor allem auf die „kosmetische Wirkung“ Deutschlands nach außen Wert zu legen scheint. Man stelle sich nur das neue Mahnmal als Kulisse für den Aufmarsch der NPD am 8. Mai vor. Richtig peinlich wäre das!
Wenn ich ehrlich bin, ist mir die kosmetische Wirkung Deutschlands nach außen scheißegal. Ich bin kein Jude, kein Türke, kein Behinderter, kein Zeuge Jehovas und auch kein Zigeuner und man hat mir früh genug beigebracht, dass Nationalstolz für einen Deutschen eine peinliche Angelegenheit ist. Allerdings könnte ich mich als deutsche Lesbe vom braunen Sumpf bedroht fühlen, die eine solide sozialistische Erziehung und einen politischen Häftling als Vater genießen durfte, alle Nachteile eingeschlossen, die das mit sich brachte.
Ich erinnere mich daran, dass wir in unserer Schulzeit, kaum dass wir neun oder zehn Jahre alt waren, alle Einzelheiten von Massenvernichtungen vorgesetzt bekamen, die es gab. Auf einer Klassenfahrt zum KZ Buchenwald gab es einen Dia-Vortrag mit Fotos über das Lagerleben. Ein Bild hat sich bis heute in meinem Kopf erhalten: Ein Mann aufgehängt an einem Baum. Doch man hatte ihn nicht nur einfach so da dran geknüpft. Man hatte ihn an seinen Eiern an den Ast gehängt. Es waren die ersten Eier, die ich sah und sie waren ca. einen halben Meter lang.
Nicht lange danach gab es in der „Kirche unserer lieben Frauen“ einen Film über die Auswirkungen der Atombombe in Hiroshima. Mit morbider Akribie hatten die Amerikaner das Filmmaterial gesammelt und wir sahen eine Stunde lang Verätzungen, Verbrennungen und von Hitze und Strahlung zusammen geschmolzene Deformierte. Ich träumte noch zwei Wochen lang danach davon.
Doch immerhin hatten wir einen Mythos – einen sozialistischen – und ein gepflegtes Feindbild dazu und gottlob mussten wir nicht selber denken. Wir mussten nur tun, was von uns erwartet wurde: Uns als gutwillige und hilfsbereite Zelle im Staatsorgan beweisen. Was mit den Krebszellen – den so genannten subversiven Elementen – geschah, wussten wir zu unserer Zeit genauso wenig wie die Mehrzahl der Deutschen damals wusste, was man in den KZ´s mit den Menschen tat.
Zu guter Letzt – sozusagen um uns die letzten Illusionen von Individualität zu entreißen – hatten wir geschlossen und unabhängig von Geschlecht und Tauglichkeit einen sechswöchigen Wehrdienst abzuleisten. Jungen wie Mädchen marschierten in Uniform und Stiefeln, klackten mit den Hacken bei Befehl „rechts rum“, liefen mit Gewehr bei Fuß und legten an bei Befehl „legt an“. Und was ist das Fazit aus der Geschichte? Man kann genauso gut nach vorne, wie nach hinten fallen?
Ich habe noch Fotos von meinem Großvater in Uniform. Als guter Deutscher kämpfte er im zweiten Weltkrieg. Und – war er deswegen ein rassistisches Arschloch? Ich schätze, es hat ihn niemand danach gefragt, was er wollte, aber ich weiß, dass er den Holocaust bis zu seinem Tod für eine Lüge hielt. Wen wundern also 20 % jugendliche NPD-Wähler?
Gottlob sind wir heute wieder Individuen und alles ist nicht mehr so wie vor zwanzig oder vor sechzig Jahren. Wir dürfen denken, sagen und wählen was wir wollen, wir können arbeiten oder es auch bleiben lassen und wir können uns beruhigt zu den Zeugen Jehovas, zu unseren neonazistischen Ansichten oder zum anderen Ufer bekennen – wir leben ja in einem demokratischen Staat. Hallelujah!
Wir können unsere Verantwortung für uns selber an Ärzte, Krankenkassen, Arbeitgeber und Staat abwälzen und somit aufhören uns ernsthafte Sorgen zu machen. Wir können zwar nicht behaupten, wir hätten einen Mythos, zumindest keinen von der Sorte, für den es sich lohnt, zu leben oder meinetwegen auch zu sterben, aber immerhin kann man ja bei Bedarf den Althergebrachten wieder bemühen, denn so lange der noch gut passt, brauchen wir ja auch keinen neuen. Oder?
Man spricht auch von Erbsünde. Dass wir uns keine Gedanken mehr darüber machen müssen, beweisen uns die jüngsten Ereignisse, vor allem die Tatsache, dass die NPD ungestraft im Sächsischen Landtag antisemitische Hetze betreibt und dass unsere jungen Wähler im Osten Deutschlands zu 20 % die NPD wählen. Doch wir haben ja nun das neu errichtete Holocaust-Mahnmal zum Gedenktag in Berlin, das unsere fortschreitende Alzheimer im Zaum halten soll.
Gottlob sind die Hände der jüngeren Generationen von der Schuld rein gewaschen und wir können es der Politik überlassen, alles Verfassungswidrige zu verbieten. So können wir uns also beruhigt zurück lehnen und dieses leidige Thema – wie alles andere auch – denen in den Schoß legen, die an den Hebeln sitzen, und können uns einreden, dass der Holocaust nur ein Märchen ist, dazu ausgelegt, das Beste, was wir je hatten, in den Schmutz zu ziehen.
Vergessen wir doch einfach die Bilder der ausgemergelten Überlebenden, die die Russen 1945 mehr tot als lebendig aus den KZ´s befreiten. Vergessen wir Namen wie Joseph Mengele und Maria Mandel, vergessen wir die gelben Sterne, Progrome und Leichenberge. Könnte alles glatt gelogen sein, und wenn nicht das, so ist es doch schon verdammt lange her.
Zugegeben, es ist schon etwas lästig, dieses ewige Rühren im Dreck der Deutschen Geschichte, der anklagende Blick der gesichtslosen Masse ermordeter Juden, Zigeuner und Andersartiger, das immer währende Verbeugen und Bedauern. Schaufeln wir uns die Asche der Vergasten nicht länger über die Häupter. Immerhin hat Hitler den Deutschen die Autobahn geschenkt und Arbeit. Jawoll! Und jede Menge Geld hat er gespart durch diese äußerst effiziente Weise der Problemlösung. Und immerhin gabs da eine Perspektive, eine Zukunft, einen Mythos – einen arischen.
Wie gut auch, dass der Zentralrat der Juden Spiegel das Gewicht vor allem auf die „kosmetische Wirkung“ Deutschlands nach außen Wert zu legen scheint. Man stelle sich nur das neue Mahnmal als Kulisse für den Aufmarsch der NPD am 8. Mai vor. Richtig peinlich wäre das!
Wenn ich ehrlich bin, ist mir die kosmetische Wirkung Deutschlands nach außen scheißegal. Ich bin kein Jude, kein Türke, kein Behinderter, kein Zeuge Jehovas und auch kein Zigeuner und man hat mir früh genug beigebracht, dass Nationalstolz für einen Deutschen eine peinliche Angelegenheit ist. Allerdings könnte ich mich als deutsche Lesbe vom braunen Sumpf bedroht fühlen, die eine solide sozialistische Erziehung und einen politischen Häftling als Vater genießen durfte, alle Nachteile eingeschlossen, die das mit sich brachte.
Ich erinnere mich daran, dass wir in unserer Schulzeit, kaum dass wir neun oder zehn Jahre alt waren, alle Einzelheiten von Massenvernichtungen vorgesetzt bekamen, die es gab. Auf einer Klassenfahrt zum KZ Buchenwald gab es einen Dia-Vortrag mit Fotos über das Lagerleben. Ein Bild hat sich bis heute in meinem Kopf erhalten: Ein Mann aufgehängt an einem Baum. Doch man hatte ihn nicht nur einfach so da dran geknüpft. Man hatte ihn an seinen Eiern an den Ast gehängt. Es waren die ersten Eier, die ich sah und sie waren ca. einen halben Meter lang.
Nicht lange danach gab es in der „Kirche unserer lieben Frauen“ einen Film über die Auswirkungen der Atombombe in Hiroshima. Mit morbider Akribie hatten die Amerikaner das Filmmaterial gesammelt und wir sahen eine Stunde lang Verätzungen, Verbrennungen und von Hitze und Strahlung zusammen geschmolzene Deformierte. Ich träumte noch zwei Wochen lang danach davon.
Doch immerhin hatten wir einen Mythos – einen sozialistischen – und ein gepflegtes Feindbild dazu und gottlob mussten wir nicht selber denken. Wir mussten nur tun, was von uns erwartet wurde: Uns als gutwillige und hilfsbereite Zelle im Staatsorgan beweisen. Was mit den Krebszellen – den so genannten subversiven Elementen – geschah, wussten wir zu unserer Zeit genauso wenig wie die Mehrzahl der Deutschen damals wusste, was man in den KZ´s mit den Menschen tat.
Zu guter Letzt – sozusagen um uns die letzten Illusionen von Individualität zu entreißen – hatten wir geschlossen und unabhängig von Geschlecht und Tauglichkeit einen sechswöchigen Wehrdienst abzuleisten. Jungen wie Mädchen marschierten in Uniform und Stiefeln, klackten mit den Hacken bei Befehl „rechts rum“, liefen mit Gewehr bei Fuß und legten an bei Befehl „legt an“. Und was ist das Fazit aus der Geschichte? Man kann genauso gut nach vorne, wie nach hinten fallen?
Ich habe noch Fotos von meinem Großvater in Uniform. Als guter Deutscher kämpfte er im zweiten Weltkrieg. Und – war er deswegen ein rassistisches Arschloch? Ich schätze, es hat ihn niemand danach gefragt, was er wollte, aber ich weiß, dass er den Holocaust bis zu seinem Tod für eine Lüge hielt. Wen wundern also 20 % jugendliche NPD-Wähler?
Gottlob sind wir heute wieder Individuen und alles ist nicht mehr so wie vor zwanzig oder vor sechzig Jahren. Wir dürfen denken, sagen und wählen was wir wollen, wir können arbeiten oder es auch bleiben lassen und wir können uns beruhigt zu den Zeugen Jehovas, zu unseren neonazistischen Ansichten oder zum anderen Ufer bekennen – wir leben ja in einem demokratischen Staat. Hallelujah!
Wir können unsere Verantwortung für uns selber an Ärzte, Krankenkassen, Arbeitgeber und Staat abwälzen und somit aufhören uns ernsthafte Sorgen zu machen. Wir können zwar nicht behaupten, wir hätten einen Mythos, zumindest keinen von der Sorte, für den es sich lohnt, zu leben oder meinetwegen auch zu sterben, aber immerhin kann man ja bei Bedarf den Althergebrachten wieder bemühen, denn so lange der noch gut passt, brauchen wir ja auch keinen neuen. Oder?
Eskorte fragile - 30. Apr, 13:43







ich hab alice miller gelesen, fast all ihre bücher und manche mehrmals, es war sehr wichtig für mich, auch gibran, meine erbauung!