Ein Brief an den eigenen Zensor

hallo zensor,
endlich habe ich dich ausfindig gemacht. ich hab dir ein gesicht gegeben und es gestrichen. und das war eine äußerst befriedigende beschäftigung. dabei ist es völlig egal, ob der echte ranitzki so ein arsch war oder nicht. in diesem - in meinem fall, ist er ein symbol für alles, was du all die jahre tot gemacht hast mit deiner ewigen nörgelei, deinem zynismus, deinem spott. kaum, dass ich das erste wort tippe, den ersten strich mache, hockst du mir schon auf dem rücken und rufst: "buh, du nichtskönner! es gibt viele, die besser sind, als du! du wirst es nie zu etwas bringen!"
aber ich schwör dir, ich sperr dich aus, und wenn du es wagst, dich in mein spielzimmer zu schleichen, wenn ich male oder schreibe, dann wirst du gnadenlos verdroschen und hinaus gejagt. ja, du hast richtig gehört - spielzimmer! ich werde nicht mehr arbeiten. arbeit ist mit begriffen der mühsamkeit und der plackerei verbunden. ich habe beschlossen, nicht mehr zu arbeiten, sondern nur noch zu spielen.
alles, was an die ursprünge rührt, macht dir eine scheißangst. zittere nur. ich werde dich ignorieren, bis du in deinen schranken funktionierst, da wo du hin gehörst. wir beide leben ab heute im krieg! ich werde alles aufspüren, alle ursachen finden, die es dir ermöglicht haben, dich so breit zu machen. du bist der erklärte feind. meine eltern und lehrer und alle, die glauben, kreativität sei dumm, kindisch, versponnen, eine brotlose kunst, haben dir geburtshilfe geleistet. ich werde sie alle finden und die fäden abschneiden, die ins heute führen. ich werd sie fragen, was sie sich dabei dachten und sie auslachen.
du hast dich zu einem monster entwickelt, zensor. aber du hast mich unterschätzt. wenn du mir nicht glaubst, so schau mir zu. ich werde es dir beweisen. du wirst kleiner werden und stiller. schrumpfen wirst du auf deine normalgröße und schreien wirst du auch nicht mehr. ich werde dich ebenso aussperren, wie du mich eingesperrt hast. du wirst das los aller despoten teilen, die die geduld der menschen überstrapazieren: du wirst gestürzt.
ich renne los mit kampfgebrüll. wir sehen uns, verlaß dich drauf!
bis die tage
der schreiber
Eskorte fragile - 18. Mai, 14:42







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