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Wie popelt man richtig?

Die grüne Kraft
- eine Glosse -

Eine beliebte und weit verbreitete Art, in sich zu gehen, ist das Nasebohren. Darunter versteht man das Entfernen von getrocknetem Nasensekret, im Volksmund auch „Popel“ genannt. Unsere österreichischen Nachbarn bezeichnen die Bergung des unappetitliches Nebenproduktes auch als „Rammel“ oder „Rawuzer“.

Das Popeln wird in Europa und in weiten Teilen Asiens als unschicklich und Ekel erregend empfunden. Mütter hauen ihren Kindern auf die Finger und die meisten Erwachsenen beschäftigen sich eher heimlich mit der Reinigung ihres Riechorgans.
Als gesellschaftlich akzeptable Alternative gilt heute die Benutzung eines Taschentuches aus Stoff oder Papier. Da der Benutzung eines Taschentuches jedoch eine bewusste Handlung voraus gehen muss, greifen Viele wieder zu den altbewährten Mitteln, sich des Problems zu entledigen oder finden neue Methoden zur Entfernung der lästigen Nasensteine.

So werden in Indien die unliebsamen Störenfriede oft mangels Taschentuches durch das Blasen und Zuhalten eines Nasenloches und des dadurch entstehenden Überdrucks ohne viel Federlesen an die nächste Wand oder auf die Straße gerotzt, wogegen man in Osteuropa verbreitet die „Hochziehfraktion“ vorfindet. Im ostasiatischen Raum gilt das Hochziehen als anständig. Hierzulande kann eine harmlose Wartezeit an der Bushaltestelle zu einem außerordentlich „leckeren“ Erlebnis werden, wenn ein potentieller Fahrgast in Übereile neben, anstatt in sein Taschentuch schneuzt oder ganz ungeniert mit dem bloßen (!) Finger in der Nase wühlt. Nein, es ist kein wahrhaftig kein appetitlicher Anblick, doch scheinbar ist das Popeln eine im Menschen fest verankerte Notwendigkeit – und das schon seit seiner Kindheit.

Das Nasensekret, vulgär- und umgangssprachlich auch als „Rotz“ bezeichnet, ist eine schleimartige Substanz, welche im Inneren der Nase mit Hilfe spezieller Drüsen in der Schleimhaut gebildet wird. Dieses Sekret kommt bei Säugetieren und Menschen gleichermaßen vor und behindert die freie Atmung unter Umständen beträchtlich. In der Sexualforschung wird die Gewinnung von Popeln auch als „autosexuelle Ersatzhandlung“ betrachtet. Im Allgemeinen wird sie manuell und ohne Hilfe vorgenommen. Von einer Fremdbepopelung wird in den meisten Fällen abgesehen.

Der biologische Nutzen des Nasensekrets besteht in der Befeuchtung und Reinigung der Atemluft. Durch diesen Reinigungseffekt kann das Einatmen von Staub und Rußpartikeln den Popeloutput erheblich steigern. Zu einer vermehrten Bildung von Nasenschleim trägt auch das Rauchen bei. Die angebliche Verfärbung des Sekrets durch Nikotin hat sich jedoch als Gerücht heraus gestellt und konnte wissenschaftlich nicht bestätigt werden. Ausschweifende Diskussionen darüber, welche die „richtige“ Methode sein soll, sich des harten Nasensekrets zu entledigen, haben bis heute zu keinem eindeutigen Ergebnis geführt.

Einige HNO-Ärzte vertreten die Ansicht, dass häufiges Nasebohren zu einer vermehrten Popelbildung führt, da man sich davor eher selten die Hände wäscht bzw. desinfiziert. Doch auch das Schneuzen soll keine ungefährliche Taktik sein, denn durch den Überdruck können kleine Gefäße im Auge und in der Nasenschleimhaut platzen und bluten, so dass sich so genannte „Borken“ bilden, die dann nur mit einer Nasensalbe oder einem Nasenöl abgelöst werden können.

Nach diesen Erkenntnissen ist das Hochziehen des Nasenschleims scheinbar die gesündeste Lösung. Ohnehin ist der Hauptanteil des Nasensekrets eher flüssig, fließt fortwährend des Rachen hinunter und wird dann im Magen verwertet. Auch die Ausrichtung der Flimmerepithele im Nasen-Rachenraum deutet darauf hin, dass dies von der Natur so gedacht ist, da sie nach hinten, also in Richtung Rachen flimmern, um den Schleim besser durch die Speiseröhre abtransportieren zu können.

Über eines sind sich die Wissenschaftler jedoch einig: Die Menge, Konsistenz und Farbe des Nasensekrets kann Aufschluss über Erkrankungen der Nase geben. So kann eine grünliche Verfärbung des Schleims auf eine bakterielle Besiedlung hinweisen und eine gelblich auf eine Vereiterung – auch Sinusitis genannt. Bei einem Schnupfen wird vermehrt dickflüssiges Nasensekret produziert, wodurch die Nase verstopft und die Atmung erschwert oder ganz verhindert wird, wogegen bei einer Rhinitis das Nasensekret eher klar und dünnflüssig ist und wegen der starken Mengen auch nach außen abläuft, womit wir es dann mit der typischen „Rotznase“ zu tun haben.

So verschieden wir bei der Popelgewinnung vorgehen, so unterschiedliche Weiterverwertungsmöglichkeiten gibt es. Fallstudien haben ergeben, dass sich vor allem zwei Verhaltensweisen dabei heraus kristallisiert haben: Das Popelrollen mit der anschließenden Entsorgung mittels Wegschnipsen und das Popeln mit nachfolgendem Verzehr der Beute. Die gesellschaftliche Ächtung der ersten Variante, sofern man diese in der Öffentlichkeit betreibt, ist sicherlich für jeden vorstellbar. Dennoch ist sie für Viele beinahe ein Automatismus, bei dem ihnen die Überschreitung der Peinlichkeitsgrenze, vor Zuschauern ausdauernd zu popeln, nichts auszumachen scheint. Bevorzugt man diese Variante, wird man schon im Kindesalter die Erfahrung machen, dass der Schwierigkeitsgrad der Popelgewinnung darin besteht, dass man eventuelle Wartezeiten mit einkalkulieren muss, da sich nur ausgetrocknete Exemplare mühelos entfernen, rollen und wegschnipsen lassen. Befindet sich noch ausreichend Schleim am Popel, auch Schmierpopel genannt, sollte man sie - dem Namen gemäß – eher durch abschmieren entfernen, wobei man aus Rücksichtnahme darauf verzichten sollte, sie sichtbar (und vor allem durch einen dummen Zufall leicht erreichbar) für seine Mitmenschen zu plazieren.

Als wirklich interessant hat sich jedoch die zweite Methode, die des Popelns mit anschließendem Verzehr, heraus gestellt. Die Tätigkeit des Popelns an sich kann nämlich auch krankhafte Züge annehmen. Diese Krankheit wird Mukophagie genannt und bezeichnet die beinahe zwanghafte Neigung zum Popeln, die immer an die darauf folgende orale Zuführung gekoppelt ist.

Wie jeglicher Verzehr von Körperausscheidungen, z. B. von Schweiß oder Exkrementen, hat auch der von Popeln eher einen schlechten Ruf. Doch die Mukophagen – zu deutsch Schleimesser (mucus = Schleim und –phag = essen), vulgärsprachlich auch als „Popelfresser“ bezeichnet, handeln unfreiwillig so. Diese leiden meistens unter einer starken Verschleimung der Nase und empfinden den leicht salzigen Geschmack eines Popels als angenehm. Allerdings sollte man sich nicht zu der Vermutung hinreißen lassen, dass an Mukuphagie Erkrankte das „Schleimessen“ lieben. Vielmehr empfinden sie – genauso wie andere – einen normalen generellen Ekel vor dem Nasensekret – jedoch ist dieses Hemmnis herab gesetzt, wenn es sich um das eigene Sekret handelt und dieses unmittelbar und „frisch“ aus der Nase geholt wurde oder wenn die Verspeisung des Sekrets – ganz ähnlich dem Nägelkauen – unbewusst geschieht.

Den ultimativen Freipoplerschein gab jedoch vor kurzem ein Innsbrucker Experte, nach dessen Untersuchungen, das Bohren in der Nase, aber auch das Verspeisen der Popel der Gesundheit förderlich sein soll. Der Lungenfacharzt Friedrich Bischinger befürwortet sogar das Popeln ohne Taschentuch, da es nicht nur eine bessere mechanische Reinigungsmöglichkeit darstellt, als mit, nein – er geht sogar so weit, zu behaupten, Popelessen steigere die Abwehrkräfte. Dabei werden die Bakterien, die sich in der Nasenschleimhaut angesammelt haben, in den Darm befördert und entfalten dort ihre medikamentöse Wirkung, indem sie das Immunsystem stärken und die Abwehrkräfte stabilisieren.

Popel essen ist also gut für die Gesundheit, egal, ob Sie links oder rechts herum bohren. Na dann – Bon apetit.

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