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Das Leben duldet kein Vakuum

Es ist seltsam. Manchmal gibt es wirklich karge Zeiten, Durststrecken - und zwar menschliche. Und dann plötzlich ist alles da. Dann sind Menschen da, die sich um einen bemühen, werbend, verhalten oder stürmisch, ängstlich oder mutig, offen oder vorsichtig. Warum bleibt mir die Verletzbarkeit meiner Mitmenschen nur so wenig verborgen? Egal, wie peinlich sie darauf achten, sich keine Blöße zu geben?
Ich komme mir oft wie ein Spiegel vor. Ich spiegele sie ohne Wertung und ohne zu Polarisieren. Sie sehen mich an und sehen sich. Und sie könnten das Gute, das Außergewöhnliche, ihr Potential eben so sehen, wie das Verletzbare und das Erbärmliche, aber die wenigsten sehen das Erstere. Liegt das daran, dass wir das Schlechte immer eher sehen gelernt haben und glauben?
Und wenn sie sich sehen in mir, und ihre Fehler sehen, verletzen sie sich so leicht und sagen ICH hätte sie verletzt. Doch dabei verletzen sie sich an mir. Woher sollten sie auch wissen, dass ihre Verletzbarkeit behütet in mir liegt wie auf einem weichen Kissen, weil ich sie nicht werte, in einem Raum, in dem es keine Bedingungen gibt, außer, dass sie völlig sie selber sind und nichts sonst?
Je dringlicher ein Mensch um sich selber ringt, er sich selber will und erkennt, umso mehr muss ich lieben, muss im Achtung und Respekt erweisen für die oft übermenschlichen Anstrengungen, die er leistet, um sich selber zu begegnen.
Wachstum ist das Einzige, wofür sich ein Leben lohnt. Alles andere geht dahin, ist wechselbar, ist verlierbar, zerstörbar, kontrollierbar. Wer wächst hebt sich über sich hinaus und nutzt seine Fehler und seine Mängel als Flügel, um auf ihnen zu fliegen. Und wie oft leisten wir gerade aus ihnen heraus das Unmögliche, das Außergewöhnliche, das Großartige.
Das Leben strebt nach Gleigewicht. Es duldet kein Vakuum. Wer keinen Ausgleich schafft, bekommt einen von außen geschafft - ungebeten und unvorhergesehen.
Haben wie einen Mangel an Liebe, so werden auf der Suche nach Kompensation entweder großartige oder schreckliche Dinge vollbringen, aber wir müssen sie kompensieren. Es geht nicht anders.
Alles was wir geben wollen, suchen wir in Wahrheit für uns selber. Und wir erhalten es auch selber, in dem Augenblick, da wir es geben. Nur wir Menschen unter-scheiden ein Geben und Nehmen, doch in Wahrheit ist es der gleiche Vorgang. Wir machen einen Unter-schied - wir scheiden - sind nicht EIN-sichtig, begreifen nicht, dass alles das Gleiche ist.
Gebe ich Liebe - welcher Art sie auch sein mag - so gebe ich sie mir im gleichen Augenblick auch selbst. Bin ich fähig, einen anderen Menschen mit so wenig inneren Bedingungen anzunehmen und zu lieben, so bin ich auch fähig, mich selber anzunehmen und zu lieben. Und umgekehrt. Und vom anderen werde ich wieder geliebt. Deshalb sagst man wohl, man bekommt alles doppelt zurück.
Ich denke, es ist ähnlich mit der Verletzung. Auch dort gibt es seltener ein wirkliches Geben und Nehmen und selten werden wir tatsächlich VOM ANDEREN verletzt. Bei den Dingen, die uns verletzten und traurig machen, handelt es sich immer um die gleichen Dinge, die uns glücklich machen und über die wir uns freuen - je nachdem ob wir sie bekommen oder sie vermissen - aber es sind immer die gleichen Dinge.
Am Meisten sind wir dazu imstande, uns selber zu verletzen, weil wir gehofft haben, weil wir etwas wollten, weil wir erwartet und gewünscht haben und es nicht in Erfüllung ging. Es ist nicht der anderen Mensch, der das tut. Wir selbst besorgen das für uns viel gründlicher.
Und was ist schon eine Verletzung? Da wir wissen, dass es die gleichen Dingen sind, die uns glücklich machen, wenn wir sie bekommen - müssten wir da nicht wissen, dass es sich eigentlich nur um das Leben selber handelt? Verletzungen tun weh. Ja und? Dann tut es eben weh. Doch in den meisten Fällen werden wir es wohl überleben.
Wir meiden das Leben, wenn wir Verletzungen schon präventiv vermeiden wollen, schneiden uns ab von unseren Wünschen und auch von dem, was uns glücklich machen würde, wenn wir nur den Mut hätten, uns über erlittene Verletzungen endlich hinweg zu setzen. Es findet kein Austausch mehr statt, weil wir uns ängstlich und mißtrauisch behüten und es macht uns krank. Immer zuerst an der Seele und dann - das Leben duldet kein Vakuum - auch am Körper, denn das Leben schafft den Ausgleich selbst, wenn wir ihn nicht schaffen.

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