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Beichten

Beichte III - Die Sucht

Es ist nicht einfach, sich einzugestehen, dass man nicht der unbedachten Jugendsünde anheim gefallen ist, an der so Viele jahrelang, jahrzehntelang zum Opfer der Nitkotinsucht wurden.
In der Zeit, als andere schüchtern und mit der wachsenden Selbstbewusstheit der Pubertierenden, die noch zarten, zaghaften Schritte ins Erwachsenendasein vollzogen, indem sie die ersten Glimmstengel probierten - ob die Lunge den kratzenden Rauch ohne die peinlichen Hustenanfälle überstehen würde - da war mir dieses Verhalten absolut rätselhaft.
Vielleicht könnte ich nachsichtiger mit mir sein, wenn es für mich so gelaufen wäre, aber so war es nicht.
Die Entscheidung, zu rauchen, die traf ich so bewusst, wie nie etwas vorher in meinem achtzehnjährigen Leben. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht einmal was das ist: Eine Entscheidung.
Auf dem Balkon eines Plattenbaus in Berlin Rudow, von dem aus man noch die Überreste der Mauer und das Steppengelände des dahinter liegenden Niemandslandes sehen konnte, fasste ich den Entschluss, dass ich rauchen wollte.
Es war ein sonniger Frühlingstag. Mein Vater war in die Arbeit gegangen und das Ein-Zimmer-Appartement, das er schon möbliert gemietet hatte, bevor ich zu ihm flüchtete, war sehr still.
Auf dem orangefarbenen Plastiktisch Tisch lag eine halbvolle Schachtel Benson & Hedges und glänzte golden gemustert durch die flatternden Gardinen. Das war keine gewöhnliche Verlockung. Es war im Grunde überhaupt keine. Nur eine Entscheidung war es und so holte ich mir die Schachtel nach draußen, setzte mich auf den klapprigen Gartenstuhl und zündete mir ungelenk eine Zigarette an.
Vor mir das Betongeländer des Balkons, darunter das Ödland der ehemaligen Todeszone, atmete ich den Qualm tief ein. Ohne Husten. Ein Gefühl von Sicherheit spürte ich, sobald ich die Zigarette im Mund hatte. Ein Gefühl von Folgerichtigkeit. Etwas befand sich nun zwischen der Welt und mir, das es mir ermöglichte, ganz verborgen zu bleiben, ganz unentdeckt, ganz unangreifbar. Vom ersten Augenblick an spürte ich es.
Ich verwischte meine Spuren für die Außenwelt, die mich von da an nicht mehr zu fassen bekam. Denn gefasst zu werden war das Schlimmste.
Schon immer habe ich es schlecht ertragen, dass die Welt so schwer atmend sich zu mir hinlehnte - dass ich mich ganz ausgesondert fühlte von ihr und ihren Lebewesen, die an mich heran traten, als wäre ich von ihresgleichen.
Doch das war ich nie. Nie konnte ich mich mit dieser Schablonenhaftigkeit, mit Austauschbarkeit, mit der Beliebigkeit abfinden, die sich durch alles zog, was die Erdbewohner taten. Nie konnte ich mich damit abfinden, dass es nicht zählte, was für ein Mensch man ist, sondern nur das, was man an Fähigkeiten und an Knowhow mitbrachte.
Ich konnte nicht verstehen, dass sie sich austauschen konnten, als wäre es nicht wichtig, welche besonderen Eigenschaften einer mitbrachte, welche Konsequenzen es haben konnte, wenn man gerade diesen Einen fortnahm und woanders hin pflanzte, ohne große Hoffnung, er könne sich neu verwurzeln.
Eine wirkliche Verwurzelung war überhaupt etwas, das sich nicht zu gehören schien. Flexibel und tough und so engagiert sollte man dort sein, wo man sich für acht oder mehr Stunden des Tages hin verliehen oder verkauft hatte. Aus welchen Gründen man das zu tun hatte, blieb mir schleiehrhaft, war doch allen etwas ganz Wichtiges im Vorhinein genommen worden: Eine Motivation.
Damit meinte ich keine, die sich aufgrund von Mehrarbeit am Monatsende auf dem Konto niederschlägt. Ich meinte eine innere, ganz und gar persönliche Motivation, die darauf beruht, dass man höchstpersönlichst genau an diesem Ort gebraucht wird, weil man der ist, der man ist.
Ich weiß nicht, ob das nur eine persönliche, gekränkte Eitelkeit war, aber ich glaube es nicht. Sicher weiß ich aber, dass ich mich unmöglich fassen lassen konnte von dieser Welt, die mich verschluckt hätte, wie ein hungriger Tiger ein Schnitzel verschluckt, so als wäre es nichts.
Also rauchte ich und steigerte meinen Zigarettenkonsum von Null auf Dreißig innerhalb eines Tages. Meine Mutter machte meinem Vater schwere Vorwürfe deswegen, dass das Kind nun trotz seines Asthmas raucht. Warf ihm an den Kopf, er hätte mich dazu verführt und seinen Erziehungsauftrag nicht ernst genug genommen.
Ich konnte dazu überhaupt nichts sagen, konnte meinen Vater, der wenigstens dafür nichts konnte, nur im Stillen den Rücken stärken.
Das Leben war nun ferner und alles ging mich nur noch halb so viel an, wie zuvor. In kleinen Raten konnte ich das vernichten, was ich in mir als unerwünscht empfand für diese Welt, um mich ihr ein Stück weit ähnlicher zu machen oder wenn schon nicht das, dann wenigstens fügsamer.
Eine Blindheit eignete ich mir an, die sich über alles zog, was sich in der Tiefe abspielte, die mich vor mir selbst beschützte und vor meinen unseligen Wünschen und Beobachtungen. Nicht, dass das in Wahrheit heilsam gewesen wäre. Im Gegenteil.
Ich funktionierte zwar immerhin, denn irgendwann konnte ich mich an dem acht-Stunden-Verkauf körperlich und seelisch halbwegs gesund-scheinend beteiligen (und endlich nicht mehr unangenehm auffallen durch wiederholte Krankheiten, die fast regelmäßig im 2-Wochen-Rhythmus auftraten), doch der Preis dafür war nicht gerade gering.
In den 16 Jahren meines Rauch-Rückzuges hatte ich die unschätzbare Gelegenheit, alle Krankenhäuser Berlins und der Umgebung auszuprobieren und die Verantwortung für meine Gesundheit in fremde Hände zu übergeben. Was war das für eine Erleichterung!
Nicht einmal ein Asthma-Anfall auf einer U-Bahn-Treppe mit anschließendem Herz- und Atemstillstand konnte mich von der Überzeugung dieses Vorteils abbringen.
Nur den jungen Arzt habe ich im Nachhinein bedauert, der mir in seiner Nervosität die Kanüle in den Herzmuskel gerammt und mir damit zu viel des Guten verpasst hatte.
Auch das darauf folgende dreitägige Koma überzeugte mich nicht, ebenso wenig wie der Trip, auf dem ich mich noch sechs Wochen nach meinem Aufwachen befand. Schließlich war ich ein immer freundlich lächelndes Mädchen, das den Umstand, dass es alles wie durch eine Glaskugel sah und glaubte, die Gespräche, die noch drei Straßen weiter stattfanden, zu hören, sorgsam verdrängte.
Es war die Zeit, in der ich mich damit abfand, dass ich nun verrückt geworden sei und dass dieser Zustand doch gar nicht so schlecht sei, wie zuvor immer befürchtet.
Es war die einzige Zeit in meinem Leben, in der ich es wagte, ganz frei und sehr laut zu singen. (Heute weiß ich nur noch aus der Erinnerung, wie gut ich singen kann.)
Doch leider war ich nicht verrückt. Die Wirkung der Medikamte ging vorüber und der Tag kam, an dem ich wieder nach Hause sollte. Raus in die Welt. Beinahe sträubte ich mich dagegen, kam ich doch dieser Tage - verwahrt in der Obhut einer schützenden Glocke - zu der Einsicht, es ginge auch ohne meinen Rauchschutzmantel.
Dieser Irrtum klärte sich aber nur wenige Tage nach meiner Entlassung auf, als ich in eine Welt zurück kam, die nun noch weniger mein Zuhause war, als je zuvor. Was waren das für Zimmer, in denen ich bisher gewohnt hatte? Was war das für ein Leben, das ich bis dahin geführt hatte? Ich wusste es nicht mehr und ein großes Schweigen brach über mich herein. Plötzlich war ich verwandt mit den verlassenen Spinnweben an der Zimmerdecke und mit dem verbrannten Kohlestaub vor dem Ofen. Ich war nur noch ein Rest. Wovon hatte ich vergessen.
Der Rest, der ich war, kam zu der Überzeugung, dass er das ebenso schwer wachen Auges ertragen konnte und so rauchte ich wieder, sah noch mehr Krankenhäuser und rauchte wieder. Man könnte staunen über diese Hartnäckigkeit, aber ich stellte sie damals nie in Frage.
Doch etwas Entscheidendes hatte sich getan, hatte sich gewendet in dieser Zeit, als wäre ich abgeschnitten worden vom Strom meines bisherigen Lebens und hätte den Faden nun mit Mühe wieder angeknüpft.
Dieser Faden hatte eine andere Farbe, als der bisherige. Es war der erste rote, den ich hatte. Erst viele Jahre später brachte ich diese Neuanknüpfung mit den Visionen in Zusammenhang, die mich damals im Krankenhaus heimgesucht hatten.
Ich flog als vergoldeter Buddha über den Wüstensand, Meile um Meile unbeweglich und lächelnd. Ein anderes Mal wanderte ich als Mönch durch eine Wüste. Zwei Decken trug ich neben den Vorräten im Gepäck und stieß auf eine Geisterstadt aus verrottenden Holzhäusern. Nirgends gab es ein Zeichen von Leben.
Auf den Stufen eines Hauses saß ein Bettler, der die Hände zu mir ausstreckte und ich wunderte mich, wie er wohl dorthin gekommen sein mochte. Er bat mich um eine Decke. Weil die Nächte so furchtbar kalt sind, sagte er.
Doch ich gab ihm keine. Schließlich waren es meine und auf eine der Decken wollte ich mich zum Schlafen legen, mit der anderen wollte ich mich zudecken, um mich vor der Kälte zu schützen.
Ungeachtet seines Geschreis wanderte ich weiter bis zu einem großen Stein, in dessen Schatten ich mich niederlegte und wo ich die Dämmerung abwarten wollte. Ich rollte mich in meine Decken und schlief ein. Von einem schmerzhaften Druck erwachte ich mitten in der Nacht. Ein prächtiger Sternenhimmel spannte sich über mich und funkelte. Es dauerte eine Weile bis ich bemerkte, dass der Stein umgefallen war und mich unter sich begraben und tief in den Wüstensand hinein gedrückt hatte. Doch in dem Moment, als ich meine Lage erkannte, wusste ich, dass ich es in meiner Hartherzigkeit gegenüber den Bedürftigkeiten des Bettlers verdient hatte, so zu sterben.
Noch viele andere Visionen gab es, die ich bei vollem Bewusstsein unter dem Medikamenteneinfluss erlebt hatte und fast alle zeigten mir eine Art von Lebenstest, den ich wieder und wieder zu bestehen hatte, die mir meinen Willen, mein Inneres zeigten und alles, was ich bis dahin gewesen war.
Als ich nach acht Wochen aus dem Krankenhaus entlassen wurde, ging ein anderer Mensch hinaus, als der, der mit Blaulicht und Atemmaske hingebracht und hinein getragen worden war.
Einer, der sich zwar noch immer nicht von der Welt fassen lassen konnte, der aber von nun ab gewillt war, seine Entscheidungen selbst zu treffen, was sein äußeres Leben und sein Binnenleben betraf.
Und dieser Mensch entschied sich dafür, sich dem Wachstum mit ganzer Seele zu verschreiben, an dessen Beginn die Selbsterkenntnis stand. Dieser Mensch hatte beschlossen, seine Vereinzelung, seine Fremdheit zu erlösen und nach Hause zu finden, wo immer das auch sein mochte.
Dieser Mensch ist bis heute bei dieser Entscheidung geblieben. Heute ist er wiederum ein völlig anderer, als zu der Zeit, von der hier erzählt wurde (und ganz fremd fühlt er sich, wenn er davon berichtet). Gründlich ist er vorgegangen bei allem, was sein Binnenleben betraf und ohne Nachsicht hat er sich betrachtet und zu seinem Entsetzen festgestellt, dass die Liste seines Unvermögens kein Ende zu finden schien, dass seine Grenzen schon so bald erreicht waren und seine Liebe, von der er einmal geglaubt hatte, sie könne alles druchdringen, nichts weiter war, als die verzweifelte Egozentrifuge eines chronisch Ungeliebten.
Als er das erkannt hatte, hatte er beschlossen, die Liebe zu erlernen, wie es noch keiner vor ihm versucht hatte und all seine Anstrengung warf er in diesen Plan, bis er dazu fand, dass er sich ganz verschwenden konnte, ganz aufgehen konnte in einem anderen.
Erst da wurden seine Versuche ruhiger und ließen zu, dass sich die Liebe in alle Richtungen ausbreiten konnte - dass sie schwor, kein Wesen unberücksicht zu lassen in seinem Lieben. Er schwor es für alle Zeiten und fühlte sich von diesem Tag an mit ganzem Herzen an seinen Schwur gebunden.
Doch in seinen stillsten Stunden fand er noch immer die Überreste dieser ungeliebten Eigennützigkeit, die er ganz und gar in sich eleminieren wollte.
Für längere Zeiten ist es ihm nie gelungen, das Rauchen aufzugeben, aber etwas regt sich nun im Untergrund. Etwas, dass nun stärker ist, als früher - als zu der Zeit, zu der er sich für die Blindheit entschieden hatte.
Nur allzu gern würde er alle bequeme Blindheit dafür hingeben, jetzt die Wirklichkeit zu erfahren, aber er hat ganz vergessen, wie es ist, erwachsenn zu sein ohne Rauchen. Und bei jedem Versuch tritt die Welt so nahe an ihn heran, dass er sich selbst darüber vergessen könnte.
In vieler Hinsicht ist sie gleich geblieben, die Welt - ja ist sogar noch schlimmer geworden, als zu der Zeit, zu der er es schon nicht mehr ertragen konnte - doch für ihn hatte sich über die Jahre etwas verändert. Schleichend und unbemerkt war die Welt der Wahrnehmungen gewachsen - aber vielleicht war auch nur er selbst gewachsen - wer kann das mit Sicherheit sagen?
Vielleicht ist die Zeit gekommen, in der sich sein Gewachsenes neu erproben muss an der Welt und vielleicht muss er auch dieses Mal einfach nur eine Entscheidung treffen. Eine Entscheidung, die ihn der Welt wiederbringt und eines Tages vielleicht sogar nach Hause.

Beichte II - Der Wert der Dinge

Wenn ich als Kind etwas haben wollte, oder mir von meiner Mutter ausborgen wollte - Kleidung z. B., als ich dann älter war - sagte sie immer: "Nein, das ist für dich viel zu schade." Das hat mich jedes Mal sehr verletzt, denn es hatte einen Beigeschmack von: du bist es nicht wert. Auch von: du mir nicht das selbe wert, wie ich mir wert bin, also weniger. Die Zeit kam, wo ich um gar nichts mehr bat.
Heute überlege ich, ob sie nicht Recht damit hatte. Nicht damit, dass ich es nicht wert bin, aber damit, dass Dinge für mich zu schade sind. Ich wertschätze sie nicht, die Dinge. Ein seltsames Verhältnis habe ich zu ihnen, so als gingen sie mich gar nichts an, als gehörten sie gar nicht zu mir. Scheinbar war das schon immer so - schon damals, als ich noch ein Kind war. Oder es kam umgekehrt: dass ich ihr eben irgendwann glaubte, ich wäre es nicht wert. Im Grunde muss man etwas nur oft genug hören...
Heute kann ich mir nicht vorstellen, dass sich die Einstellung meiner Mutter dazu nicht auch in nonverbaler Form geäußert hat, was für mich eine Bekräftigung des Unwertseins gewesen sein muss.
Was Ordnung ist, das hat sie versucht, mir beizubringen, aber es hat nichts genützt. Bis heute bin ich ein so furchtbarer Schlunz, dass es für jeden, der mit mir zusammen lebt, eine Katastrophe und eine Zumutung sein muss. Doch wer will schon Ordnung in Dingen halten, für die man vielleicht gerade noch so wert war?
Irgendwann habe ich wohl die Dinge von mir abgetrennt, um nicht ständig damit konfrontiert zu sein, dass ich sie nicht wert bin. Sie waren einfach nicht für mich. Ich habe kein Empfinden mehr für Eigentum. Das betrifft Gott sei Dank "nur" meins. Mit dem Eigentum anderer gehe ich sehr pfleglich um. Im Gegensatz zu mir, sind sie es schließlich wert.
Überlebenstaktiken eines Kindes sind das, die bis heute überlebt haben.
Es gibt viele tote Dinge in der Wohnung. Schöne, aber tote Dinge, die ich nicht bewohne, die Staub ansetzen, die belegt werden mit irgendwelchem Zeug, das ich nicht fort räume. Ein erwachsener Teil, der wohl zu der Ansicht gekommen sein muss, dass er es doch wert ist, sich mit Schönem zu umgeben, hat sie einst angeschafft.
Doch der Teil, der mir bis gestern ganz und gar verborgen war, der hat mit ihnen rein gar nichts zu tun. Der vergisst sie. Der stellt oder legt Dinge darauf ab, hängt Dinge darüber, die ebenfalls nicht zu mir gehören.
Die Abstände, in denen mir mein Chaos zu viel wird, und ich aufräumen und alles putzen muss, sind sehr unregelmäßig. Wenn es so weit ist, hält mich auch keine Unlust davon ab. Wohl fühle ich mich hinterher schon, aber irgendwie bleibt mir mein eigener Wohnraum samt Inhalt immer fremd. Seltsam, dass mir das noch nie so aufgefallen ist, dass diese Erkenntnis nicht schon früher kam.
Diese ganze Unwert-Geschichte... die zieht ihre Kreise sicher auch noch woanders hin: zur Selbstsabotage, zur Furcht vor Erfolg z. B. und ich frage mich, wie das gehen kann - wie man sich tatsächlich davor fürchten kann, das Gegenteil von dem bewiesen zu bekommen, was man so schmerzvoll lernen musste: dass man es eben doch wert ist. Und wie gern wäre ich es wert!
Aber die Einsicht, dass man es wert ist, die setzt vermutlich voraus, dass man zuerst die hatte, dass es Zeiten gab, in denen das nicht so war. Möglicherweise vermied ich deshalb viele Dinge, von denen ich ganz pauschal sagen könnte: sie wären gut für mich.
Viel Achtsamkeit werde ich brauchen, mir das auszutreiben. Und viel Liebe für mich selbst.

Beichte I - Über das Schönsein

Als ich 15 war, wollte ich unter allen Umständen schön sein. Dieses Wollen zog sich lange hin, zehn Jahre etwa. Das bezog sich nie allein auf eine äußere Schönheit, ich wollte schön und wahr und heil sein, trotz des Umstandes, dass ich nicht eins von dem war.
Als Kind hatte man zu oft über mich gelacht, als dass ich mich dazu hinreißen lassen könnte, zu glauben, ich wäre schön. Man belachte das Fremde an mir, die Form der Augen, die nicht europäisch ist, das Schielen, das schlimmer wurde, je mehr man lachte (dabei sieht es man es heute nur dann, wenn ich müde bin oder die Augen überanstrengt habe). Immer war ich ein "Schlitzauge" und das war nicht erstrebenswert in diesem Alter. Viel habe ich über die Schönheit gelernt, als ich klein war. Unter allen Umständen wollte ich wissen, was Schönheit ist, suchte ich nach ihr, ich wollte wissen, wie man sein muss, um schön zu sein, was man haben muss, um geliebt zu sein, wollte wissen, was das ist, das ich nicht habe. Lange und gründlich betrachtete ich die Menschen. Sie hatten fast alle ein ähnliches Problem wie ich, das merkte ich bald: Es war dieses Nicht-gelebtwerden, das sie quälte. Es gab keine Liebe ohne Bedingungen, nirgendwo gab es die. Und alle alle zweifelten sie an ihrer Liebenswürdigkeit, auch wenn sie noch so schön waren und wenn sie noch so sehr taten, als wäre es anders. Es musste etwas anderes sein, das man haben muss....
Mit 15 fand ich heraus, was es war: Schön ist, wer andere berührt. Das warf zugleich die nächste Frage auf: Was berührt die Menschen?
Einiges probierte ich: Mitleid erregen, Hilfsbereitschaft zeigen, angepasst sein, grundsätzlich eine Kontrastellung einnehmen..... einiges andere noch.
Ich beschäftigte mich viel mit Wirkungen - was wirkt wie - und alle im Umkreis waren meine Versuchsobjekte. Die Wirkungen habe ich bis ins Letzte erprobt, den Schein.
Sie waren mir das Elementare - sehr, sehr lange und weit über die Pubertät hinaus.
Ich begann, mich zu bewegen, als wäre ich schön. Welch eine Überwindung kostete mich das damals, wider jeder Überzeugung diese Bewegung zu machen! Schon damals hatte ich gut verstanden, dass das Äußere nur die Auswirkung eines Inneren ist und machte mir diese Erkenntnis zunutze. Und ich manipulierte sie alle und formte nach meinem Wunsch. Und ich war wahrhaftig ein Zauberer, von dem niemand wusste, wie seine Kaninchen in den Zylinder kamen, der doch eben noch leer war.
Diese Bewegung und Schminke halfen. Seit diesem Tag bin ich nie wieder ohne Schminke auf die Straße gegangen... weitere 15 Jahre nicht.
Auch heute trage ich noch Schminke. Sie ist nicht mehr elementar, aber ich fühle mich noch immer ein wenig nackt ohne sie. Diese Nacktheit, die tut mir heute nicht mehr wirklich etwas und dass ich ohne nach draußen gehe, das gibt es auch. Ich will nicht sagen: inzwischen ist es Gewohnheit - natürlich ist es auch Gewohnheit derweil - doch es ist auch bequemer, als würde man nackt durch die Straßen laufen. Und mit manchen Dingen mache es mir ganz bestimmt bequem.
Die Bewegungen heute, die sind meine... ich weiß nicht mehr, wann ich die Schönheitsbewegung verlor, aber es muss an dem Tag gewesen sein, an dem ich begriff, dass dies alles auch nichts nützt - dass alle Schönheit oder Scheinschönheit nichts nützt, um geliebt zu werden ohne Bedingung. Es muss an dem Tag gewesen sein, als ich es hinnahm, nicht schön zu sein, als ich es endlich akzeptieren konnte und nur noch ich sein wollte.
Ich möchte auch heute noch geliebt sein und wenn möglich auch schön, aber ich habe mich abgefunden, es vielleicht nicht zu sein und es ist bei Weitem nicht mehr elementar, da Schönheit oder das Gegenteil und auch Liebe nicht mehr dazu da sein muss, mich zu identifizieren, zu definieren - nicht mehr beweisen muss, was ich wert bin oder nicht wert bin. Es beantwortet mir keine Fragen mehr nach dem "Wer bin ich?". Diese Antworten liegen ganz woanders.

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Online seit 1683 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 15. Nov, 23:21

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Zuletzt geschrieben:

Wow!
Jetzt lese ich es erst "ausführlich". Sei ebenso...
wasserfrau (Gast) - 15. Nov, 23:21
...über die grenze
Eskorte fragile - 13. Nov, 01:01
Keine Identität...
Sternstunde Philosophie vom 08.11.2009
Eskorte fragile - 12. Nov, 14:35
danke dir! ende november,...
danke dir! ende november, anfang dezember werde ich...
Eskorte fragile - 12. Nov, 14:30
herz- liche gratulation...
herz- liche gratulation !!! & lg.
spiritchild - 12. Nov, 11:27

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