[>>]
-eskorte-header




Gelesen

Zitat der Jahres

Es ist die Zeit der Sonnenfinsternis, die dem Erdbeben vorangeht. Durch die Nacht strahlt wie Phosphor der bleibe Leib des sterbenden Gottes, aber er strahlt, ohne zu erleuchten. Auch die Sterne haben ihr Licht verloren; denn alles Helle hat ER in sich genommen.
Einsamkeit umgibt das Kreuz, und die Erde ist wie ausgestorben. Da ruft zwischen Todesröcheln der Heiland über die Öde hinweg: „Gott, mein Gott! Warum hast du mich verlassen!“
Sein Ruf findet keinen Widerhall. Die Natur erkennt die Stimme nicht mehr, wie sie das Licht nicht mehr kennt.
Aber aus der Dunkelheit balls sich der Gegengott. Auf schwarzen Wolken thronend, schwebt er heran vor das Kreuz.
Es ist Shiva, der Zerstörer, es ist Pirapos mit dem obszönen Symbol, mit der höhnenden Fratze dessen, was man Liebe nennt. Und der Götze spricht:
„Wen rufst du? Nur wir sind noch; nur du bist und ich, dein ewiger Gegensatz, sonst nichts mehr. Du rufst nach dem Gott, den du auf dich gezogen hast. In deinem Streben nach eigener Göttlichkeit hast du die Welt entgottet; wo ist noch ein Gott außer dir?
Deinen Haß wolltest du ausrotten, aber indem du dein Schwert gegen ihn erhobst, verfielst du ihm. Nun hat sich dein Geschöpf gegen dich gewandt und dich ans Kreuz genagelt. Sieh, ich bin dein Geschöpf, die Ausgeburt deines eigenen Hasses. Vernichten wolltest du mich, aber du hast mich gemästet.
Als ich dir damals die Schätze der Welt versprach, wenn du vor mir niederfielst, da verschmähtest du sie, da hassest du schon die Werke dessen, den du jetzt anrufst; denn du wolltest ihm gleichen; da entgegnetest du verächtlich: Es steht geschrieben: Du sollst den Herren deinen Gott anbeten und nur ihm allein untertan sein.
Wer ist jetzt dein Herr, wenn nicht ich; denn nichts mehr ist außer uns beiden.
Auch ich muss vergehn im Augenblick, da du stirbst. Aber war das dein ganzes stolzes Lebenswerk?
Du lehrtest doch: Liebet eure Feinde! – Jetzt liebe mich, deinen ärgsten und letzten Feind.
Nur weil deine Liebe nicht vollkommen war, hast du mich geschaffen, wie du mich in meiner gräßlichen Verzerrung vor dir siehst. Damals in der Wüste war ich schön. Noch einmal befehle ich dir nun, mich anzubeten. Liebe mich! Erkenne, dass ich dein Gott, dein Vater bin.“
Da erhebt Jesus langsam das Haupt, und seine Augen heften sich an das furchtbare Antlitz des Feindes.
Dann – von grenzenloser Liebe verklärt – spricht er zu ihm: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist!“
Und das Licht, das dem heiligen Leibt entströmt, beginnt wieder die Erde zu erhellen. Die Sonne tritt hervor, und die schwarzen Wolken, der Thron des Gegengottes zerfließen in nichts.
Ein tiefes Donnern erschüttert die Luft, die Erde erbebt, der Vorhang im Tempel zerreißt und offen liegt vor den Augen der Gläubigen das Allerheiligste.
Des Heilands brechender Blick umschließt die erlöste Natur. Und laut klingt seine Stimme:
„Es ist vollbracht!"


Erwin Reisner
„Der Gott und der Götze“ aus
„Vom Ursinn der Geschlechter“

Das niedere und das höhere Selbst

Es handelt sich nicht darum, in sich hinein zu schauen, sondern wir müssen das große Selbst zu erkennen suchen, das in uns hinein leuchtet.
Das niedere Selbst sagt: Ich stehe da und friere.
Das höhere Selbst sagt: Ich bin auch die Kälte, denn ich lebe als das eigene Selbst in der Kälte und mache mich selbst kalt.
Das niedere Selbst sagt: Ich bin da, ich bin im Auge, das die Sonne sieht.
Das höhere Selbst sagt: Ich bin in der Sonne und sehe im Sonnenstrahl in deine Augen hinein.
[Rudolf Steiner "Wege der Übung"]

Sophia

Wenn wir etwas schöpfen, ist das Weisheitsprinzip in uns. Das, was als Inspiration, als ätherische Form ihren Anfang nimmt, wird nach und nach mit Details gefüllt, damit es eine Ausdrucksform finden kann in der materiellen Welt.
Das Weisheitsprinzip ist in uns, das uns mit der essenziellen Einheit des Lebens prägt. Wir sind die Träger dieser Vision. Unser Körper, unsere Empfindungen, unsere Emotionen und unsere Gedanken können alle dazu verwendet werden, dieses Einsssein zum Ausdruck zu bringen. Aber wir sind nicht wirklich dazu bereit. Unsere Fähigkeiten sind mit den Details unserer eigenen speziellen Interessen erfüllt, und diese erzeugen ein vollkommen realistisches Gefühl des Getrenntseins (vom Rest der Welt). Dieses Gefühl wird beinahe unentwegt verstärkt - durch unsere physischen Sinne, unsere Wünsche und Gedanken.
Und doch lehrt die Weisheitstradition, dass diese Fähigkeiten uns nicht sagen, wer wir wirklich sind, dass unsere wahre Natur essenzielles Bewusstsein ist - eine Essenz, die wir mit jeder Lebensform teilen.
Was hält uns davon ab, dieses Einssein zu empfinden? Unser Fühlen, Wollen und Denken wird vom "Wunschdenken" beherrscht.
Das ist jener Teil des Denkens, der entscheidet, sich mit persönlichen Wunschvorstellungen zu identifizieren. Je mehr wir versuchen, uns mit diesen persönlichen Wunschvorstellungen zu identifizieren, umso stärker wird unsere Identität als ein getrenntes Selbst empfunden.
Es ist das Selbst-Bild, das die meisten unserer Handlungen und Reaktionen leitet - physisch, emotional und mental. Wenn wir uns entscheiden, diese Fähigkeiten für die Stärkung unseres getrennten Selbst zu benutzen, stellt sich unser Körper zur Verfügung, um unsere Sinne zu befriedigen, unsere Wunschvorstellungen dienen großteils uns selbst und unser Denkvermögen wird hauptsächlich von Vorurteilen beeinflusst.
Und doch gibt es einen anderen Teil des Denkens, der uns leiten kann - der Träger von Sophia - von Weisheit.
Das ist das höhere Denkvermögen, geprägt von spiritueller Weisheit. Unter seiner Leitung können wir unsere eigene spirituelle Entwicklung leiten. Wir können tatsächlich die Wahl treffen, inspiriert zu sein.
Auf diese Weise werden unsere schöpferischen Visionen weiter evolvieren - durch jede Ebene unseres Wesens. Statt unsere Fähigkeiten dazu zu benutzen, unserem getrennten Selbst weitere Details hinzuzufügen, können wir sie auf eine Art benutzen, die zu spiritueller Verbindung führt. Und das wird uns mit neuen Runden der Kreativität inspirieren.
Wenn wir auf der physischen Ebene beginnen, könnten wir unsere Handlungen zu einem Ausdruck des Geistes des Dienens gestalten. Es liegt etwas sehr Mächtiges im Handeln zum Wohle anderer. Selbst wenn wir gänzlich von unserer eigenen privaten Welt umhüllt sind, wird sich in uns - wenn wir nur eine einzige Tat der Freundlichkeit ausführen können - ein Sinn für das Einssein regen. Mag dieser auch noch so schwach sein - er ist unsere ewige Natur, jenseits von Raum und Zeit, und die Quelle wahrer Inspiration.
Auf der Ebene der Wunschvorstellungen könnten wir danach streben, mehr Interesse für andere zu haben, sensibler für ihre Situation und ihr Wohlergehen zu sein. Wennn wir von der Mühsal anderer bewegt werden, ändert sich sofort unsere selbst-zentrierte Perspektive. Ein Augenblick des Mitfühlens kann die Illusion des Getrenntseins zerbrechen. Wenn wir uns mit dem Leiden anderer Lebewesen identifizieren, sind wir mit dem Herzen des Universum eins.
Was die Fähigkeit des Denkvermögens betrifft, kann eine Vision des Einsseins die verhärtesten Denkgewohnheiten verwandeln. Diese Gewohheiten sind mit dem beschäftigt, der wir zu sein glauben. Unsere Identität ist von dem lebenslangen Festhalten diesses Bildes in unserem Denken geformt. Aber all das kann sich in einem Augenblick der Ein-Sicht ändern: Unsere wahre Natur ist jenseits aller Form. Sie ist die Quelle von Weisheit und Mitgefühl. Sie ist die Intelligenz des Universums. Wir alle sind Ausdrucksfromen diesses Universalen Denkvermögens.
Wähle eine Inspiration. Schenke ihr eine Unmenge von Aufmerksamkeit. Und dann werde schöpferisch tätig.
Jim Belderis
ps: Der Hintergrund ist weiß.
ps 2: In diesem Sinne will ich ein Niemand sein.

Die Metapher ist tot

Möge sie in Frieden ruhen.
Ich ruhe nicht. Ich tigere auf und ab, in der Hoffnung, meine Wut irgendwo zu lassen - am Besten dort, wo sie hingehört, aber wohin gehört sie? Wut kommt von allzu viel Traurigkeit, sagt man. Und traurig ist es allemal, wenn man sich ansieht, für welches Geschreibe Preise vergeben und auf welches Lobgerede veranstaltet wird.
Die Böswilligen könnten mir Neid unterstellen, schließlich bin ich auch nur ein Mensch, aber nein - das ist es nicht. Es ist nur so, dass mir diese Prime-stories regelmäßig kalte Füße verursachen. Und Wut.
Wut darüber, dass sich etwas in die Literatur eingeschlichen und sich zu einer regelrechten Mode entwickelt hat und niemandem scheint es aufzufallen, wie eintönig und beliebig dieses Geseiere ist. So beliebig, als erzähle man von irgendwem. Besitzanzeigende Fürwörter scheinen zum ultimativen Oberpfui mutiert zu sein, es ist einfach unmöglich "meine Mutter" zu schreiben. Immer ist es nur "die Mutter", damit auch garantiert genug Abstand gewahrt wird.
Blutleer muss es sein und so einengen muss es einen beim Lesen, dass man klaustrophobische Zustände entwickelt, vervielfacht durch die Effekthascherei dieser Beliebigkeit, die sich in viel zu vielen Texten wiederfindet.
Wir haben ein neues Klischee, dass (noch) erfolgreich als Nicht-Klischee, als Original, als einzigartig bezeichnet wird. Nichts wird mehr erzählt. Schablonenhaft kühl muss es sein wie ein Diavortrag ohne Text über Unbekannte, die in ihrem Nichtanderskönnen ersticken. Und wir schauen lesend, als ginge uns das alles nichts an, vermeiden jede Berührung.
Die Umstände näher zu beleuchten wird vermieden wie die Pest, ebenso namenlos wie die Protagonisten taumeln die unterschwelligen Katastrophen durch unsichtbare Katakomben des Innenlebens. Sie werden hergezeigt wie nacktes Fleisch und an vergilbte Wände gepinnt, aber benannt werden sie niemals. Und in diesem Schweigen schläft die Enge, die Unentrinnbarkeit, die jedem freiheitsliebenden Menschen die Luft zum Atmen abdrückt. Nicht nur die Metapher ist tot, auch die Schönheit der Sprache und wir feiern sie, als hätten wir keine Ahnung, dass mit ihrem Tod auch wir sterben.
Als Nachtlektüre hatte ich eine Kurzgeschichte von Katharina Benedixen, Gewinnerin des Buchjorunal-Schreibwettbewerbes zum Thema "Was bedeutet das eigentlich - Heimat?". Mir ist wohl klar, dass dieses Bemühen um Abstand und das Herzeigen übelerregender Familiensituationen absichtlich mit dem Effekt der Beliebigkeit praktiziert wird - etwas ZU absichtlich für meinen Geschmack.
Und damit Sie wissen, wovon ich spreche, ein kleiner Auszug aus dieser Gewinner-Story, die mir die Nackenhaare aufstellt - und zwar nicht wegen des Inhalts:

"Kellerfenster und Fußbodenheizung

"Da bist du also wieder zu Hause", sagt die Mutter, und ich denke, da bin ich also wieder zu Hause. Ob die Fahrt gut gewesen sei, will sie wissen, das sei sie gewesen, ja, sage ich. Aber der Schnee, wirft die Mutter ein, nun sei ich ja da, sage ich, und die Autobahnen seien gut geräumt gewesen. Dass sie das immer gut machen, lobt die Mutter, und ich nicke ein bisschen zu häufig, während wir das Haus betreten.
Die Mutter und ich sagen "ja" zur gleichen Zeit, und ich packe die Hausschuhe aus, die neben dem Nachthemd in der Tasche liegen. Der Flur ist frisch gestrichen, man tiecht noch die Farbe.
Schön hätten sie das gemacht, sage ich, und ide Mutter murmelt etwas vor sich hin und sagt dann, dass ich erst mal die Küche sehen sollte, die sei noch viel besser geworden. Dass man sich das gar nicht vorstellen könne, wo der FLur schon so gut und so neu sei, erwidere ich, wei ich weiß, dass sie sich dann vorläufig freut. Die Küche hat jetzt eine Fußbodenheizung, das hat mir die Mutter schon am Telefon erzählt, und so einen modischen Herd mit Cerankochfeld, aber der Elektroherd sei doch besser gewesen. Aber in diesem Küchenstudio hätteen sie ihr das eigeredet und sie danach beinahe gezwungen, den Vertrag zu unterschreiben."
[usw. und etwas später:]
"Die Küche hat eine Fußbodenheizung und ein Cerankochfeld, meine Hausschuhe könne ich gleich wieder ausziehen, sagt die Mutter, das sei jetzt nicht mehr so wie früher, man müsse nich timmerzu Hausschuhe tragen wegen der neuen Küche mit Fußbodenheizung und Cerankochfeld, und dabei lacht sie, als wäre das Laufen und Sitzen in Socken der größte Vorteil der neuen Küche.
Ich stelle sie ordentlich an den Rand der Küchenbank und richte sie parallel aneinander aus, weil ich weiß, dass der Vater sich darüber vorläufig freut. Der Vater sagt, ohne Hausschuhe, ob ich denn meine ganze Erziehung vergessen habe, was für Sitten denn in der Stadt herschten, als er aus dem Keller kommt, um mich zu begrüßen.
Ich rutsche zum Rand der Bank, ziehe die Hausschuhe wieder an und gebe ihm die Hand.
"Schön", sagt er dabei.
Wir trinken Kaffee und essen Kuchen, obwohl es dafür eigentlich schon zu spät ist. Eine Ausnahme sei das heute, sagt der Vater, und die Mutter nickt dabei, sonst gebe es immer um drei Kaffee und nicht erst um fünf. Weil ich aber so lange arbeiten müsse, sagte der Vater, eine kleine Ausnahme, nur heute, nicht dass ich denke, sie machten das immer so. Dass ich das nicht denken würde, sage ich, während sich Kuchen und Kaffee zu einer klumpigen, schwer verdaulichen Masse in meinem Mund vermischen. Als ich sage, dass mir eine Tasse Kaffee reiche, schenkt die Mutter mir trotzdem nach, zwei Tassen Kaffee würden am Nachmittag getrunken, sagt der Vater und lächelt, als wäre das lustig."
[usw. usf.]

Von der Liebe - Khalil Gibran

Von der Liebe
Wenn die Liebe dir winkt, folge ihr,
sind ihre Wege auch schwer und steil.
Und wen ihre Flügel dich umhüllen, gib dich ihr hin,
auch wenn das unterm Gefieder versteckte Schwert
dich verwunden kann.
Und wenn sie zu dir spricht, glaube an sie,
auch wenn ihre Stimme deine Träume
zerschmettern kann wie der Nordwind den Garten verwüstet.
Denn so, wie die Liebe dich krönt, so kreuzigt sie dich.
So wie sie dich wachsen lässt, beschneidet sie dich.
So wie sie emporsteigt zu deinen Höhen und
Die zartesten Zweige liebkost,
die in der Sonne zittern,
steigt sie hinab zu deinen Wurzeln
und erschüttert sie in ihrer Erdgebundenheit.
Wie Korngarben sammelt sie dich um sich.
Sie drischt dich, um dich nackt zu machen.
Sie siebt dich, um dich von deiner Spreu zu befreien.
Sie mahlt dich, bis du weiß bist.
Sie knetet dich, bis du geschmeidig bist;
Und dann weiht sie dich ihrem heiligen Feuer,
damit du heiliges Brot wirst
für Gottes heiliges Mahl.
All dies wird die Liebe mit dir machen,
damit du die Geheimnisse deines Herzens kennenlernst
und in diesem Wissen ein Teil vom Herzen des Lebens wirst.
Aber wenn du in deiner Angst nur die Ruhe
und die Lust der Liebe suchst,
dann ist es besser für dich,
deine Nacktheit zu bedecken
und vom Dreschboden der Liebe zu gehen
in die Welt ohne Jahreszeiten, wo du lachen wirst,
aber nicht dein ganzes Lachen,
und weinen, aber nicht all deine Tränen.
Liebe gibt nichts als sich selbst
und nimmt nichts als von sich selbst.
Liebe besitzt nicht, noch lässt sie sich besitzen;
denn die Liebe genügt der Liebe.
Wenn du liebst, solltest du nicht sagen:
„Gott ist in meinem Herzen“, sondern:
„Ich bin in Gottes Herzen.“
Und glaube nicht, du kannst den Lauf der Liebe lenken,
denn die Liebe, wen sie dich für würdig hält,
lenkt deinen Lauf.
Liebe hat keinen anderen Wunsch, als sich zu erfüllen.
Aber wenn du liebst und Wünsche haben musst,
sollst du dir dies wünschen:
Zu schmelzen und wie ein plätschernder Bach zu sein,
der seine Melodie der Nacht singt.
Den Schmerz allzu vieler Zärtlichkeit zu kennen.
Vom eigenen Verstehen der Liebe verwundet zu sein;
und willig und freudig zu bluten.
Bei der Morgenröte mit beflügeltem Herzen zu erwachen
und für einen weiteren Tag des Liebens dankzusagen;
zur Mittagszeit zu ruhen und über die Verzückung der Liebe nachzusinnen;
am Abend mit Dankbarkeit heimzukehren;
und dann einzuschlafen mit einem Gebet für den Geliebten im Herzen
und einem Lobgesang auf den Lippen.

Verwandtschaften

Aus: "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" von Rainer Maria Rilke

Man wird mich schwer davon überzeugen, dass die Geschichte des verlorenen Sohnes nicht die Legende dessen ist, der nicht geliebt werden wollte. Da er ein Kind war, liebten ihn alle im Hause. Er wuchs heran, er wusste es nicht anders und gewöhnte sich an ihre Herzweiche, da er ein Kind war.
Aber als Knabe wollte er seine Gewohnheiten ablegen. Er hätte es nicht sagen können, aber wenn er draußen herumstrich den ganzen Tag und nicht einmal mehr die Hunde mithaben wollte, so wars, weil auch sie ihn liebten: weil in ihren Blicken Beobachtung war und Teilnahme, Erwartung und Besorgtheit; weil man auch vor ihnen nichts tun konnte, ohne zu freuen oder zu kränken. Was er aber damals meinte, das war die innige Indifferenz seines Herzens, die ihn manchmal früh in den Feldern mit solcher Reinheit ergriff, dass er zu laufen begann, um nicht Zeit und Atem zu haben, mehr zu sein als ein leichter Moment, in dem der Morgen zum Bewusstsein kommt.
Das Geheimnis seines noch nie gewesenen Lebens breitete sich vor ihm aus. Unwillkürlich verließ er den Fußpfad und lief weiter feldein, die Arme ausgestreckt, als könnte er in dieser Breite mehrere Richtungen auf einmal bewältigen. Und dann warf er sich irgendwo hinter eine Flecke, und niemand legte Wert auf ihn. Er schälte sich eine Flöte, er schleuderte einen Stein nach einem kleinen Raubtier, er neigte sich vor und zwang einen Käfer umzukehren: dies alles wurde kein Schicksal, und die Himmel gingen wie über Natur. Schließlich kam der Nachmittag mit lauter Einfällen; man war ein Bucanier auf der Insel Tortuga, und es lag keine Verpflichtung darin, es zu sein; man belagerte Campêche, man eroberte Vera-Cruz; es war möglich, das ganze Heer zu sein oder ein Anführer zu Pferd oder ein Schiff auf dem Meer: je nachdem man sich fühlte. Fiel es einem aber ein, hinzuknien, so war man rasch Deodat von Gozon und hatte den Drachen erlegt und vernahm, ganz heiß, dass dieses Heldentum hoffärtig war, ohne Gehorsam. Denn man ersparte sich nichts, was zur Sache gehörte. Soviel Einbildungen sich aber auch einstellten, zwischendurch war immer noch Zeit, nichts als ein Vogel zu sein, ungewiss welcher. Nur dass der Heimweg dann kam.
Mein Gott, was war da alles abzulegen und zu vergessen; denn richtig vergessen, das war nötig; sonst verriet man sich, wenn sie drängten. Wie sehr man auch zögerte und sich umsah, schließlich kam doch der Giebel herauf. Das erste Fenster oben fasste einen ins Auge, es mochte wohl jemand dort stehen. Die Hunde, in denen die Erwartung den ganzen Tag angewachsen war, preschten durch die Büsche und trieben einen zusammen zu dem, den sie meinten. Und den Rest tat das Haus. Man musste nur eintreten in seinen vollen Geruch, schon war das Meiste entschieden. Kleinigkeiten konnten sich noch ändern; im ganzen war man schon der, für den sie einen hier hielten; der, dem sie aus seiner kleinen Vergangenheit und ihren eigenen Wünschen längst ein Leben gemacht hatten; das gemeinsame Wesen, das Tag und Nacht unter der Suggestion ihrer Liebe stand, zwischen ihrer Hoffnung und ihrem Argwohn, vor ihrem Tadel oder Beifall.
So einem nützt es nichts, mit unsäglicher Vorsicht die Treppen zu steigen. Alle werden im Wohnzimmer sein, und die Türe muss nur gehn, so sehen sie hin. Er bleibt im Dunkel, er will ihre Fragen abwarten. Aber dann kommt das Ärgste. Sie nehmen ihn bei den Händen, sie ziehen ihn an den Tisch, und alle, soviel ihrer da sind, strecken sich neugierig vor die Lampe. Sie haben es gut, sie halten sich dunkel, und auf ihn allein fällt, mit dem Licht, alle Schande, ein Gesicht zu haben.
Wird er bleiben und das ungefähre Leben nachlügen, das sie ihm zuschreiben, und ihnen allen mit dem ganzen Gesicht ähnlich werden? Wird er sich teilen zwischen der zarten Wahrhaftigkeit seines Willens und dem plumpen Betrug, der sie ihm selber verdirbt? Wird er es aufgeben, das zu werden, was denen aus seiner Familie, die nur noch ein schwaches Herz haben, schaden könnte?
Nein, er wird fortgehen. Zum Beispiel während sie alle beschäftigt sind, ihm den Geburtstagstisch zu bestellen mit den schlecht erratenen Gegenständen, die wieder einmal alles ausgleichen sollen. Fortgehen für immer. Viel später erst wird ihm klar werden, wie sehr er sich damals vornahm, niemals zu lieben, um keinen in die entsetzliche Lage zu bringen, geliebt zu sein. Jahre hernach fällt es ihm ein und, wie andere Vorsätze, so ist auch dieser unmöglich gewesen. Denn er hat geliebt und wieder geliebt in seiner Einsamkeit; jedes Mal mit Verschwendung seiner ganzen Natur und unter unsäglicher Angst um die Freiheit des andern. Langsam hat er gelernt, den geliebten Gegenstand mit den Strahlen seines Gefühls zu durchscheinen, statt ihn darin zu verzehren. Und er war verwöhnt von dem Entzücken, durch die immer transparentere Gestalt der Geliebten die Weiten zu erkennen, die sie seinem unendlichen Besitzenwollen auftat.
Wie konnte er dann nächtelang weinen vor Sehnsucht, selbst so durchleuchtet zu sein. Aber eine Geliebte, die nachgibt, ist noch lang keine Liebende. 0, trostlose Nächte, da er seine flutenden Gaben in Stücken wiederempfing, schwer von Vergänglichkeit. Wie gedachte er dann der Troubadours, die nichts mehr fürchteten als erhört zu sein. Alles erworbene und vermehrte Geld gab er dafür hin, dies nicht noch zu erfahren. Er kränkte sie mit seiner groben Bezahlung, von Tag zu Tag bang, sie könnten versuchen, auf seine Liebe einzugehen. Denn er hatte die Hoffnung nicht mehr, die Liebende zu erleben, die ihn durchbrach.
Selbst in der Zeit, da die Armut ihn täglich mit neuen Härten erschreckte, da sein Kopf das Lieblingsding des Elends war und ganz abgegriffen, da sich überall an seinem Leibe Geschwüre aufschlugen wie Notaugen gegen die Schwärze der Heimsuchung, da ihm graute vor dem Unrat, auf dem man ihn verlassen hatte, weil er seinesgleichen war: selbst da noch, wenn er sich besann, war es sein größtes Entsetzen, erwidert worden zu sein. Was waren alle Finsternisse seither gegen die dichte Traurigkeit jener Umarmungen, in denen sich alles verlor. Wachte man nicht auf mit dem Gefühl, ohne Zukunft zu sein? Ging man nicht sinnlos umher ohne Anrecht auf alle Gefahr? Hatte man nicht hundertmal versprechen müssen, nicht zu sterben? Vielleicht war es der Eigensinn dieser argen Erinnerung, die sich von Wiederkunft zu Wiederkunft eine Stelle erhalten wollte, was sein Leben unter den Abfällen währen ließ.
Schließlich fand man ihn wieder. Und erst dann, erst in den Hirtenjahren, beruhigte sich seine viele Vergangenheit. Wer beschreibt, was ihm damals geschah? Welcher Dichter hat die Überredung, seiner damaligen Tage Länge zu vertragen mit der Kürze des Lebens? Welche Kunst ist weit genug, zugleich seine schmale, vermantelte Gestalt hervorzurufen und den ganzen Überraum seiner riesigen Nächte.
Das war die Zeit, die damit begann, dass er sich allgemein und anonym fühlte wie ein zögernd Genesender. Er liebte nicht, es sei denn, dass er es liebte, zu sein. Die niedrige Liebe seiner Schafe lag ihm nicht an; wie Licht, das durch Wolken fällt, zerstreute sie sich um ihn her und schimmerte sanft über den Wiesen. Auf der schuldlosen Spur ihres Hungers schritt er schweigend über die Weiden der Welt. Fremde sahen ihn auf der Akropolis, und vielleicht war er lange einer der Hirten in den Baux und sah die versteinerte Zeit das hohe Geschlecht überstehen, das mit allem Erringen von Sieben und Drei die sechzehn Strahlen seines Sterns nicht zu bezwingen vermochte. Oder soll ich ihn denken zu Orange, an das ländliche Triumphtor geruht? Soll ich ihn sehen im seelengewohnten Schatten der Allyscamps, wie sein Blick zwischen den Gräbern, die offen sind wie die Gräber Auferstandener, eine Libelle verfolgt?
Gleichviel. Ich seh mehr als ihn, ich sehe sein Dasein, das damals die lange Liebe zu Gott begann, die stille, ziellose Arbeit. Denn über ihn, der sich für immer hatte verhalten wollen, kam noch einmal das anwachsende Nichtanderskönnen seines Herzens. Und diesmal hoffte er auf Erhörung. Sein ganzes, im langen Alleinsein ahnend und unbeirrbar gewordenes Wesen versprach ihm, dass jener, den er jetzt meinte, zu lieben verstünde mit durchdringender, strahlender Liebe. Aber während er sich sehnte, endlich so meisterhaft geliebt zu sein, begriff sein an Fernen gewohntes Gefühl Gottes äußersten Abstand. Nächte kamen, da er meinte, sich auf ihn zuzuwerfen in den Raum; Stunden voller Entdeckung, in denen er sich stark genug fühlte, nach der Erde zu tauchen, um sie hinaufzureißen auf der Sturmflut seines Herzens. Er war wie einer, der eine herrliche Sprache hört und fiebernd sich vornimmt, in ihr zu dichten. Noch stand ihm die Bestürzung bevor, zu erfahren, wie schwer diese Sprache sei; er wollte es nicht glauben zuerst, dass ein langes Leben darüber hingehen könne, die ersten, kurzen Scheinsätze zu bilden, die ohne Sinn sind. Er stürzte sich ins Erlernen wie ein Läufer in die Wette; aber die Dichte dessen, was zu überwinden war, verlangsamte ihn. Es war nichts auszudenken, was demütigender sein konnte als diese Anfängerschaft. Er hatte den Stein der Weisen gefunden, und nun zwang man ihn, das rasch gemachte Gold seines Glücks unaufhörlich zu verwandeln in das klumpige Blei der Geduld. Er, der sich dem Raum angepasst hatte, zog wie ein Wurm krumme Gänge ohne Ausgang und Richtung. Nun, da er so mühsam und kummervoll lieben lernte, wurde ihm gezeigt, wie nachlässig und gering bisher alle Liebe gewesen war, die er zu leisten vermeinte. Wie aus keiner etwas hatte werden können, weil er nicht begonnen hatte, an ihr Arbeit zu tun und sie zu verwirklichen.
In diesen Jahren gingen in ihm die großen Veränderungen vor. Er vergaß Gott beinah über der harten Arbeit, sich ihm zu nähern, und alles, was er mit der Zeit vielleicht bei ihm zu erreichen hoffte, war »sa patience de supporter une âme«. Die Zufälle des Schicksals, auf die die Menschen halten, waren schon längst von ihm abgefallen, aber nun verlor, selbst was an Lust und Schmerz notwendig war, den gewürzhaften Beigeschmack und wurde rein und nahrhaft für ihn. Aus den Wurzeln seines Seins entwickelte sich die feste, überwinternde Pflanze einer fruchtbaren Freudigkeit. Er ging ganz darin auf, zu bewältigen, was sein Binnenleben ausmachte, er wollte nichts überspringen, denn er zweifelte nicht, dass in alledem seine Liebe war und zunahm. Ja, seine innere Fassung ging so weit, dass er beschloss, das Wichtigste von dem, was er früher nicht hatte leisten können, was einfach nur durchwartet worden war, nachzuholen. Er dachte vor allem an die Kindheit, sie kam ihm, je ruhiger er sich besann, desto ungetaner vor; alle ihre Erinnerungen hatten das Vage von Ahnungen an sich, und dass sie als vergangen galten, machte sie nahezu zukünftig. Dies alles noch einmal und nun wirklich auf sich zu nehmen, war der Grund, weshalb der Entfremdete heimkehrte. Wir wissen nicht, ob er blieb; wir wissen nur, dass er wiederkam.
Die die Geschichte erzählt haben, versuchen es an dieser Stelle, uns an das Haus zu erinnern, wie es war; denn dort ist nur wenig Zeit vergangen, ein wenig gezählter Zeit, alle im Haus können sagen, wie viel. Die Hunde sind alt geworden, aber sie leben noch. Es wird berichtet, dass einer aufheulte. Eine Unterbrechung geht durch das ganze Tagwerk. Gesichter erscheinen an den Fenstern, gealterte und erwachsene Gesichter von rührender Ähnlichkeit. Und in einem ganz alten schlägt ganz plötzlich blass das Erkennen durch. Das Erkennen? Wirklich nur das Erkennen? - Das Verzeihen. Das Verzeihen wovon? - Die Liebe. Mein Gott: die Liebe.
Er, der Erkannte, er hatte daran nicht mehr gedacht, beschäftigt wie er war: dass sie noch sein könne. Es ist begreiflich, dass von allem, was nun geschah, nur noch dies überliefert ward: seine Gebärde, die unerhörte Gebärde, die man nie vorher gesehen hatte; die Gebärde des Flehens, mit der er sich an ihre Füße warf, sie beschwörend, dass sie nicht liebten. Erschrocken und schwankend hoben sie ihn zu sich herauf. Sie legten sein Ungestüm nach ihrer Weise aus, indem sie verziehen. Es muss für ihn unbeschreiblich befreiend gewesen sein, dass ihn alle missverstanden, trotz der verzweifelten Eindeutigkeit seiner Haltung. Wahrscheinlich konnte er bleiben. Denn er erkannte von Tag zu Tag mehr, dass die Liebe ihn nicht betraf, auf die sie so eitel waren und zu der sie einander heimlich ermunterten. Fast musste er lächeln, wenn sie sich anstrengten, und es wurde klar, wie wenig sie ihn meinen konnten.
Was wussten sie, wer er war. Er war jetzt furchtbar schwer zu lieben, und er fühlte, dass nur Einer dazu imstande sei. Der aber wollte noch nicht.

Ende der Aufzeichnungen

Bitte

Wir werden eingetaucht
und mit dem Wasser der Sintflut gewaschen
wir werden durchnäßt
bis auf die Herzhaut
der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränengrenze
taugt nicht
der Wunsch, den Blütenfrühling zu halten
taugt nicht
es taugt die Bitte
dass bei Sonnenaufgang die Taube
den Zweig vom Ölbaum bringe
dass die Frucht so bunt wie die Blüte sei
dass noch die Blätter der Rose am Boden
eine leuchtende Krone bilden
und dass wir aus der Flut
dass wir aus der Löwengrube
und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler
stets von neuem
zu uns selbst
entlassen werden.

[Hilde Domin]

Verwandlung durch Trauer & Krankheit

Rainer Maria Rilke über das Kranksein, aus seinen Briefen an einen jungen Dichter: An Franz Xaver Kappus.

Borgeby gård, Flädie, Schweden,
am 12. August 1904

Mein lieber Herr Kappus,

Ich will wieder eine Weile zu Ihnen reden, lieber Herr Kappus, obwohl ich fast nichts sagen kann, was hilfreich ist, kaum etwas Nützliches. Sie haben viele und große Traurigkeiten gehabt, die vorübergingen. Und Sie sagen, daß auch dieses Vorübergehen schwer und verstimmend für Sie war.
Aber, bitte, überlegen Sie, ob diese großen Traurigkeiten nicht vielmehr mitten durch Sie durchgegangen sind? Ob nicht vieles in Ihnen sich verwandelt hat, ob Sie nicht irgendwo, an irgendeiner Stelle Ihres Wesens sich verändert haben, während Sie traurig waren?
Gefährlich und schlecht sind nur jene Traurigkeiten, die man unter die Leute trägt, um sie zu übertönen; wie Krankheiten, die oberflächlich und töricht behandelt werden, treten sie nur zurück und brechen nach einer kleinen Pause um so furchtbarer aus; und sammeln sich an im Innern und sind Leben, sind ungelebtes, verschmähtes, verlorenes Leben, an dem man sterben kann.
Wäre es uns möglich, weiter zu sehen, als unser Wissen reicht, und noch ein wenig über die Vorwerke unseres Ahnens hinaus, vielleicht würden wir dann unsere Traurigkeiten mit größerem Vertrauen ertragen als unsere Freuden. Denn sie sind die Augenblicke, da etwas Neues in uns eingetreten ist, etwas Unbekanntes; unsere Gefühle verstummen in scheuer Befangenheit, alles in uns tritt zurück, es entsteht eine Stille, und das Neue, das niemand kennt, steht mitten darin und schweigt.
Ich glaube, daß fast alle unsere Traurigkeiten Momente der Spannung sind, die wir als Lähmung empfinden, weil wir unsere befremdeten Gefühle nicht mehr leben hören. Weil wir mit dem Fremden, das bei uns eingetreten ist, allein sind, weil uns alles Vertraute und Gewohnte für einen Augenblick fortgenommen ist; weil wir mitten in einem Übergang stehen, wo wir nicht stehen bleiben können.
Darum geht die Traurigkeit auch vorüber: das Neue in uns, das Hinzugekommene, ist in unser Herz eingetreten, ist in seine innerste Kammer gegangen und ist auch dort nicht mehr - ist schon im Blut. Und wir erfahren nicht, was es war.
Man könnte uns leicht glauben machen, es sei nichts geschehen, und doch haben wir uns verwandelt, wie ein Haus sich verwandelt, in welches ein Gast eingetreten ist. Wir können nicht sagen, wer gekommen ist, wir werden es vielleicht nie wissen, aber es sprechen viele Anzeichen dafür, daß die Zukunft in solcher Weise in uns eintritt, um sich in uns zu verwandeln, lange bevor sie geschieht.
Und darum ist es so wichtig, einsam und aufmerksam zu sein, wenn man traurig ist: weil der scheinbar ereignislose und starre Augenblick, da unsere Zukunft uns betritt, dem Leben so viel näher steht als jener andere laute und zufällige Zeitpunkt, da sie uns, wie von außen her, geschieht.
Je stiller, geduldiger und offener wir als Traurige sind, um so tiefer und um so unbeirrter geht das Neue in uns ein, um so besser erwerben wir es, um so mehr wird es unser Schicksal sein, und wir werden uns ihm, wenn es eines späteren Tages «geschieht» (das heißt: aus uns heraus zu den anderen tritt), im Innersten verwandt und nahe fühlen. Und das ist nötig. Es ist nötig und dahin wird nach und nach unsere Entwicklung gehen - daß uns nichts Fremdes widerfahre, sondern nur das, was uns seit langem gehört.
Man hat schon so viele Bewegungs-Begriffe umdenken müssen, man wird auch allmählich erkennen lernen, daß das, was wir Schicksal nennen, aus den Menschen heraustritt, nicht von außen her in sie hinein.
Nur weil so viele ihre Schicksale, solange sie in ihnen lebten, nicht aufsaugten und in sich selbst verwandelten, erkannten sie nicht, was aus ihnen trat; es war ihnen so fremd, daß sie, in ihrem wirren Schrecken, meinten, es müsse gerade jetzt in sie eingegangen sein, denn sie beschworen, vorher nie Ähnliches in sich gefunden zu haben. Wie man sich lange über die Bewegung der Sonne getäuscht hat, so täuscht man sich immer noch über die Bewegung des Kommenden. Die Zukunft steht fest, lieber Herr Kappus, wir aber bewegen uns im unendlichen Raume.
Wie sollten wir es nicht schwer haben?
Und wenn wir wieder von der Einsamkeit reden, so wird immer klarer, daß das im Grunde nichts ist, was man wählen oder lassen kann. Wir sind einsam. Man kann sich darüber täuschen und tun, als wäre es nicht so. Das ist alles. Wieviel besser ist es aber, einzusehen, daß wir es sind, ja geradezu, davon auszugehen. Da wird es freilich geschehen, daß wir schwindeln; denn alle Punkte, worauf unser Auge zu ruhen pflegte, werden uns fortgenommen, es gibt nichts Nahes mehr, und alles Ferne ist unendlich fern. Wer aus seiner Stube, fast ohne Vorbereitung und Übergang, auf die Höhe eines großen Gebirges gestellt würde, müßte Ähnliches fühlen: eine Unsicherheit ohnegleichen, ein Preisgegebensein an Namenloses würde ihn fast vernichten. Er würde vermeinen zu fallen oder sich hinausgeschleudert glauben in den Raum oder in tausend Stücke auseinandergesprengt: welche ungeheure Lüge müßte sein Gehirn erfinden, um den Zustand seiner Sinne einzuholen und aufzuklären.
So verändern sich für den, der einsam wird, alle Entfernungen, alle Maße; von diesen Veränderungen gehen viele plötzlich vor sich, und wie bei jenem Mann auf dem Berggipfel, entstehen dann ungewöhnliche Einbildungen und seltsame Empfindungen, die über alles Erträgliche hinauszuwachsen scheinen. Aber es ist notwendig, daß wir auch das erleben. Wir müssen unser Dasein so weit, als es irgend geht, annehmen; alles, auch das Unerhörte, muß darin möglich sein.
Das ist im Grunde der einzige Mut, den man von uns verlangt: mutig zu sein zu dem Seltsamsten, Wunderlichsten und Unaufklärbarsten, das uns begegnen kann. Daß die Menschen in diesem Sinne feige waren, hat dem Leben unendlichen Schaden getan; die Erlebnisse, die man «Erscheinungen» nennt, die ganze sogenannte «Geisterwelt», der Tod, alle diese uns so anverwandten Dinge, sind durch die tägliche Abwehr aus dem Leben so sehr hinausgedrängt worden, daß die Sinne, mit denen wir sie fassen könnten, verkümmert sind. Von Gott gar nicht zu reden.
Aber die Angst vor dem Unaufklärbaren hat nicht allein das Dasein des Einzelnen ärmer gemacht, auch die Beziehungen von Mensch zu Mensch sind durch sie beschränkt, gleichsam aus dem Flußbett unendlicher Möglichkeiten herausgehoben worden auf eine brache Uferstelle, der nichts geschieht.
Denn es ist nicht die Trägheit allein, welche macht, daß die menschlichen Verhältnisse sich so unsäglich eintönig und unerneut von Fall zu Fall wiederholen, es ist die Scheu vor irgendeinem Neuen, nicht absehbaren Erlebnis, dem man sich nicht gewachsen glaubt.
Aber nur wer auf alles gefaßt ist, wer nichts, auch das Rätselhafteste nicht ausschließt, wird die Beziehung zu einem Andren als etwas Lebendiges leben und wird selbst sein eigenes Dasein ausschöpfen.
Denn wie wir dieses Dasein des Einzelnen als einen größeren oder kleineren Raum denken, so zeigt sich, daß die meisten nur eine Ecke ihres Raumes kennen lernen, einen Fensterplatz, einen Streifen, auf dem sie auf und nieder gehen. So haben sie eine gewisse Sicherheit.
Und doch ist jene gefahrvolle Unsicherheit so viel menschlicher, welche die Gefangenen in den Geschichten Poes drängt, die Formen ihrer fürchterlichen Kerker abzutasten und den unsäglichen Schrecken ihres Aufenthaltes nicht fremd zu sein.
Wir aber sind nicht Gefangene. Nicht Fallen und Schlingen sind um uns aufgestellt, und es gibt nichts, was uns ängstigen oder quälen sollte. Wir sind ins Leben gesetzt, als in das Element, dem wir am meisten entsprechen, und wir sind überdies durch jahrtausendelange Anpassung diesem Leben so ähnlich geworden, daß wir, wenn wir stille halten, durch ein glückliches Mimikry von allem, was uns umgibt, kaum zu unterscheiden sind.
Wir haben keinen Grund, gegen unsere Welt Mißtrauen zu haben, denn sie ist nicht gegen uns. Hat sie Schrecken, so sind es unsere Schrecken, hat sie Abgründe, so gehören diese Abgründe uns, sind Gefahren da, so müssen wir versuchen, sie zu lieben.
Und wenn wir nur unser Leben nach jenem Grundsatz einrichten, der uns rät, daß wir uns immer an das Schwere halten müssen, so wird das, welches uns jetzt noch als das Fremdeste erscheint, unser Vertrautestes und Treuestes werden. Wie sollten wir jene alten Mythen vergessen können, die am Anfange aller Völker stehen, der Mythen von den Drachen, die sich im äußersten Augenblick in Prinzessinnen verwandeln; vielleicht sind alle Drachen unseres Lebens Prinzessinnen, die nur darauf warten, uns einmal schön und mutig zu sehen. Vielleicht ist alles Schreckliche im tiefsten Grunde das Hilflose, das von uns Hilfe will.
Da dürfen Sie, lieber Herr Kappus, nicht erschrecken, wenn eine Traurigkeit vor Ihnen sich aufhebt, so groß, wie Sie noch keine gesehen haben; wenn eine Unruhe, wie Licht und Wolkenschatten, über Ihre Hände geht und über all Ihr Tun.
Sie müssen denken, daß etwas an Ihnen geschieht, daß das Leben Sie nicht vergessen hat, daß es Sie in der Hand hält; es wird Sie nicht fallen lassen. Warum wollen Sie irgendeine Schwermut von Ihrem Leben ausschließen, da Sie doch nicht wissen, was diese Zustände an Ihnen arbeiten? Warum wollen Sie sich mit der Frage verfolgen, woher das alles kommen mag und wohin es will? Da Sie doch wissen daß sie in den Übergängen sind, und nichts so sehr wünschten, als sich zu verwandeln.
Wenn etwas von Ihren Vorgängen krankhaft ist, so bedenken Sie doch, daß die Krankheit das Mittel ist, mit dem ein Organismus sich von Fremdem befreit; da muß man ihm nur helfen, krank zu sein, seine ganze Krankheit zu haben und auszubrechen, denn das ist sein Fortschritt.
In Ihnen, lieber Herr Kappus, geschieht jetzt so viel; Sie müssen geduldig sein wie ein Kranker und zuversichtlich wie ein Genesender; denn vielleicht sind Sie beides. Und mehr: Sie sind auch der Arzt, der sich zu überwachen hat. Aber da gibt es in jeder Krankheit viele Tage da der Arzt nichts tun kann als abwarten. Und das ist es, was Sie, soweit Sie Ihr Arzt sind, jetzt vor allem tun müssen.
Beobachten Sie sich nicht zu sehr. Ziehen Sie nicht zu schnelle Schlüsse aus dem, was Ihnen geschieht; lassen Sie es sich einfach geschehen. Sie kommen sonst zu leicht dazu, mit Vorwürfen (das heißt: moralisch) auf Ihre Vergangenheit zu schauen, die natürlich an allem, was Ihnen jetzt begegnet, mitbeteiligt ist. Was aus den Irrungen, Wünschen und Sehnsüchten Ihrer Knabenzeit in Ihnen wirkt, ist aber nicht das, was Sie erinnern und verurteilen.
Die außergewöhnlichen Verhältnisse einer einsamen und hilflosen Kindheit sind so schwer, so kompliziert, so vielen Einflüssen preisgegeben und zugleich so ausgelöst aus allen wirklichen Lebenszusammenhängen, daß, wo ein Laster in sie eintritt, man es nicht ohne weiteres Laster nennen darf. Man muß überhaupt mit den Namen so vorsichtig sein; es ist so oft der Name eines Verbrechens, an dem ein Leben zerbricht, nicht die namenlose und persönliche Handlung selbst, die vielleicht eine ganz bestimme Notwendigkeit dieses Lebens war und von ihm ohne Mühe aufgenommen werden könnte.
Und der Kraft-Verbrauch scheint Ihnen nur deshalb so groß, weil Sie den Sieg überschätzen; nicht er ist das «Große», das Sie meinen geleistet zu haben, obwohl Sie recht haben mit Ihrem Gefühl; das Große ist, daß schon etwas da war, was Sie an Stelle jenes Betruges setzen durften, etwas Wahres und Wirkliches.
Ohne dieses wäre auch es nur eine moralische Reaktion gewesen, ohne weite Bedeutung, so aber ist es ein Abschnitt Ihres Lebens geworden. Ihres Lebens, lieber Herr Kappus, an das ich mit so vielen Wünschen denke.
Erinnern Sie sich, wie sich dieses Leben aus der Kindheit heraus nach dem «Großen» gesehnt hat? Ich sehe, wie es sich jetzt von den Großen fort nach den Größeren sehnt. Darum hört es nicht auf, schwer zu sein, aber darum wird es auch nicht aufhören zu wachsen.
Und wenn ich Ihnen noch eines sagen soll, so ist es dies: Glauben Sie nicht, daß der, welcher Sie zu trösten versucht, mühelos unter den einfachen und stillen Worten lebt, die Ihnen manchmal wohltun. Sein Leben hat viel Mühsal und Traurigkeit und bleibt weit hinter Ihnen zurück. Wäre es aber anders, so hätte er jene Worte nie finden können.
Ihr:

Rainer Maria Rilke

...diese Liebe

"Vielleicht hätte ich nicht schlafen sollen, vielleicht hätte ich mehr zuhören sollen, mehr da sein sollen, mehr lieben sollen, man tut es nie genug, man kann sich nicht vorstellen, dass der letzte Tag ganz nah ist, man kann es nicht, denn Sie reden ganze Nächte hindurch, man sollte mehr tun, ja, aber was, eine Art Liebe erfinden, die noch größer wäre....."

aus "Diese Liebe" von Yann Andréa

Wie du sollst geküsset sein

Wenn ich dich küsse
ist es nicht nur dein Mund
nicht nur dein Nabel
nicht nur dein Schoß
den ich küsse
ich küsse auch deine Fragen
und deine Wünsche
ich küsse dein Nachdenken
deine Zweifel
und deinen Mut
deine Liebe zu mir
und deine Freiheit von mir
deinen Fuß
der hergekommen ist
und der wieder fortgeht
ich küsse dich
wie du bist
und wie du sein wirst
morgen und später
und wenn meine Zeit vorbei ist

Erich Fried

°

November 2009
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
 
 
 
 
 1 
 2 
 3 
 4 
 5 
 6 
 7 
 8 
 9 
10
11
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
 
 
 
 
 
 
 
 

Status

Online seit 1683 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 15. Nov, 23:21

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Zuletzt geschrieben:

Wow!
Jetzt lese ich es erst "ausführlich". Sei ebenso...
wasserfrau (Gast) - 15. Nov, 23:21
...über die grenze
Eskorte fragile - 13. Nov, 01:01
Keine Identität...
Sternstunde Philosophie vom 08.11.2009
Eskorte fragile - 12. Nov, 14:35
danke dir! ende november,...
danke dir! ende november, anfang dezember werde ich...
Eskorte fragile - 12. Nov, 14:30
herz- liche gratulation...
herz- liche gratulation !!! & lg.
spiritchild - 12. Nov, 11:27

Suche