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Gesehen

Keine Identität ohne Liebe

Sternstunde Philosophie vom 08.11.2009

herzauge

Megaera - Die Liebe ist die Liebe: ist

Ganz viel Menschenliebe fand ich - fand mich - in diesen Bildern von Megaera.

megaera - lullaby 9
lullaby 9
megaera - lullaby 8
lullaby 8
megaera - lullaby 5
lullaby 5
megaera - mother - daughter no 4
mother - daughter no 4
megaera - we fight for what we hold dear
we fight for what we hold dear
megaera - maureen
maureen
megaera - kaite 6
kaite 6
Quelle: www.megaerart.com

Der Kuhhandel

Auf die Frage: Warum lieben wir etwas?
hat mir mal jemand geantwortet: Weil es uns etwas gibt.

Tag der außergewöhnlichen Gesichter

Lange habe ich nicht so viele Menschen gesehen. So fahre und laufe ich und bestaune sie. Jeden Tag gibt es neue.
Am Morgen der Weg über die dunkle Wiese - alleine noch - dampfende Atemstöße und klamme Finger - am Bahnsteig das grüne Morgendämmern hinter der beleuchteten Bahnhofsuhr mit einem Streifen orange, der Sonne verspricht und den letzten Rest Herbstwärme.
Da kommen sie schon, die Ersten.
Neben mir ein Junge. Ganz versteckt ist er in seine Kapuze und noch so klein. Die Wangen leuchten rot vom Rollerfahren.
In der Bahn wird er mir gegenüber sitzen, wird sein beeindruckendes Mienenspiel zum Besten geben - so ungewöhnlich tief für ein Kind. So wissend.
Hin und wieder spricht er mit sich selbst, beschimpft seinen Rucksack, seinen Roller, weil alles fällt und nichts dort bleibt, wo er es gern hätte.
Später dann werden auch die Handschuhe unmöglich, mit denen er versucht, in einem wunderschönen Notizbuch zu blättern. Ich werde mich fragen, was da wohl drin stehen mag, was solch eine liebevolle Aufmerksamkeit verdient. Ganz andächtig schaut er hinein und bewegt nur leise die Lippen beim Lesen. Er hat Lippen wie Rosenblätter.
Mit dem ganzen Gesicht wird er schimpfen und mit dem ganzen Gesicht wird er lachen, als eine Frau neben ihm ihre Tasche fallen lässt. Und ich - ich werde mich nicht satt sehen können an ihm.
Am Abend dann ist es ein Mann. Auch er wird mir gegenüber sitzen - seine Ellenbogen auf die Knie stützen, bis ich ihn anschaue - über mein Buch direkt in sein Gesicht - damit noch etwas dazwischen ist, zwischen uns - dann auf seine Hände, auf die schöne, schwere Uhr, die auf den ersten Blick das einzig Auffällige an ihm ist.
Für ihn werde ich mich fast noch mehr begeistern können, als für den Jungen vom grünen Morgen. Weil er so schön ist auf den zweiten Blick - weil das Schöne so verborgen liegt, und weil er alle Dinge sieht, die um ihn herum sind. Sehr aufmerksam wird er sich alles ansehen. Auch mich. Und schweigend werden wir einander verstehen - in die Tiefe wird er seine Schleifen ziehen - in meine - und an den Innenwänden entlangstreifen - leise und scheu und nichts unberührt lassen - außer vielleicht das Übliche, das Männer und Frauen verbindet.
Wenn sich unsere Augen begegnen, wird er schnell aus dem Fenster sehen. Sie sind ganz blau - seine Augen - und wie Trichter sind sie - nichts, worin man sich haltlos verlieren könnte, nein - aber etwas, worin ich willkommen bin, was mich nach innen einlädt. Über zwei harten Wangenknochen liegen sie, auf denen manchmal die großen Hände abgelegt werden, weil er sonst nicht weiß, wohin mit ihnen, und die mehr zeigen, als sie verbergen.
Ein Gespräch ohne Worte werde ich mit ihm beginnen, werde ihm erzählen, wie schön ich ihn finde, wie schön es ist, dass er da ist - mir gegenüber - dass ich ihn ansehen darf, obwohl ich darauf acht gebe, nicht unhöflich zu starren, auch wenn ich es gern täte.
Für einige Stunden würde ich das gern tun, bis ich alles aufgesogen habe von ihm und verstanden - bis ich dieses ganz Zarte, ganz Verständige und Ruhige eingeatmet habe und er ein Teil von mir geworden ist.
Kein Wort darüber wird meine Lippen verlassen, deren Bewegungen unnötiger geworden sind, als zu allen Zeiten. Ich werde es nicht müssen, denn es wird zu sehen, zu spüren sein, dass er es auch so ganz genau weiß.
Ich werde mir meine Kamera herbei wünschen und gleichzeitig wissen, dass es ein Sakrileg gewesen wäre, ihn so festzuhalten. Weil diese scheue, schöne, zarte Begegnung nur in diesem Augenblick so sein wird. Und weil das Schöne nicht sichtbar genug hätte sein können - zusammen gesetzt aus den gespeicherten, toten Pixeln meiner Kamera.

Auftakt

Das Eindrücklichste des Tages war Folgendes:
Morgens ist es verflucht kalt.
Es gibt Menschen, die machen aus dem Aussteigen aus der Bahn eine Zeremonie. Besonders wenn sie einen Fensterplatz haben. Zuerst falten sie ihre Zeitung, schauen auf, ob der Wille zum Aussteigen schon genügend demonstriert wurde. So mache ich mich mit Rucksack und Buch auf dem Schoß schon mal bereit, meine Beine schwungvoll in den Gang zu werfen, damit der Fensterfahrer ohne einen Sekundenbruchteil der Verzögerung aus der Knieklemme der Gangfahrer kommt (meistens bin ich der alleinige Beinschwinger - mein Gegenüber kümmert's nicht).
Und da ich nun mal diese Aufgabe zu haben scheine, den Fenstersitzern freies Geleit zu sichern, schaue ich zu, dass ich auch immer aufmerksam genug bin und verfolge das Ausstiegsritual mit anteilnehmendem Interesse.
Schließlich ist mir die Freiheit meiner Mitmenschen heilig.
Hat der zeitungslesende Fensterfahrer seine Zeitung in den Rucksack gestopft oder behutsam in den Aktenkoffer gelegt, als gelte es, das Kleid der heiligen Junngfrau Maria der banalen Obhut eines Kleiderschrankes zu übergeben, wird er wieder aufschauen, wird schon mal den Henkel des Koffers - den Träger des Rucksackes in die Hand nehmen, damit auch kein Mißverständnis darüber aufkommt, dass er ganz gleich aussteigen muss.
Dann wird er es sich noch einmal gemütlich machen und gelangweilt aus dem Fenster sehen, so als würde er noch fünf Mal von Endstelle zu Endstelle fahren wollen.
Manchmal wird das Henkelanfassen und wieder loslassen noch einige Male wiederholt - immer begleitet von einem Aufschauen, einer Sondierung des Knieabstandes der Gangsitzer sowie der Gesichter, vielleicht, um die Bereitschaft eines Beinschwingers auszukundschaften oder um rechtzeitig zu erkennen, dass man sich ggfs. durch Skulpturen aus Granit wird bewegen müssen - die Zeit dafür im Kopf zu überschlagen, die es braucht, um ggfs. über die unnachgiebigen Knie hinweg zu steigen oder sich gewaltsam hindurch zu quetschen. All das will berücksichtigt sein. Und all das hat meistens länger Zeit, als bis zum nächsten Halt, so dass ich permanent damit beschäftigt sein muss, per Augenkontakt zu versichern, dass er sich entspannen kann, dass ich sein Anliegen verstanden habe und dass ich bereitwillig Platz machen werde.
Auf dem Heimweg gehe ich über die verwurzelte Wiese. Ein älterer Herr mit Lodenmantel und Häkelkäppchen (der türkischen Art) schwenkt vor mir so scharf in die hüfthohe, verfilzte Wiese, die rechts und links von dem Trampelpfädchen wuchert, dass wir beinahe zusammen stoßen. Ich frage mich, wo er wohl hin will, denn in der Richtung, die er eingeschlagen hat und in die er nun tapfer stapft, liegt nur der Wald.
Ich gehe weiter und mir fällt das kleine Buch ein, dass ich gemacht habe, als ich noch ein Kind war. Ich weiß nicht warum, aber es fällt mir ein. Meine Mutter hat es mir diesen Sommer mitgebracht - sie hat es über 15 Jahre aufgehoben - und sie hat es mir ausgerechnet diesen Sommer gebracht.
Es war vielleicht 10 Quadratcentimeter groß und besaß einen Einband aus Pappe, die ich von der Rückseite eines Zeichenblocks ausgeschnitten hatte. In dem Buch ging es um einen kleinen Hund, der kein Zuhause hatte. Er lief überall hin und fragte, ob er bleiben dürfe, aber niemand wollte ihn haben. Bis er zuletzt an einen kleinen Jungen geriet, der sich über ihn freute und der ihn gern behielt, so dass er endlich ein Heim hatte.
Die Vorderseite bemalte ich mit einem Hundegesicht vor einem roten Hintergrund, die Rückseite wurde ganz rot. Den Einband lackierte ich dann noch mit farblosem Lack, ganz nach dem Vorbild der gedruckten Minibücher, von denen ich nie eins besaß, weil es die im Osten nicht gab.
Eine kleine, plumpe Kindergeschichte war das, aber sie zeigt mir, dass ich wohl schon damals nach Hause wollte.
Und die Arbeit - ja. Was habe ich heute gemacht? Wo war ich heute? Wer kann das sagen?
Nichts habe ich gemacht und Niemanden gab es dort. Es bewegten sich zwar Wesen, die menschlich aussahen, aber sie waren ganz unsichtbar. Sie waren ganz in sich verschwunden, ganz aus diesem Büro verschwunden - oder nein: ich glaube, sie waren noch nie da.
Es war so, als hätte jemand einen grauen Schleier über das langweiligste Szenario, das die Welt je gesehen hat, gezogen, als gäbe es dort tatsächlich noch etwas zu verbergen zwischen den Aktenschränken und Wänden.
Erschreckt hat mich das. Wirklich erschreckt.
Ob das wohl ansteckend ist?

°

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Zuletzt geschrieben:

Wow!
Jetzt lese ich es erst "ausführlich". Sei ebenso...
wasserfrau (Gast) - 15. Nov, 23:21
...über die grenze
Eskorte fragile - 13. Nov, 01:01
Keine Identität...
Sternstunde Philosophie vom 08.11.2009
Eskorte fragile - 12. Nov, 14:35
danke dir! ende november,...
danke dir! ende november, anfang dezember werde ich...
Eskorte fragile - 12. Nov, 14:30
herz- liche gratulation...
herz- liche gratulation !!! & lg.
spiritchild - 12. Nov, 11:27

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