Gespräche mit Jung - Kindheit I
du bist einer der wenigen menschen, die ich wirklich außerordentlich gern persönlich getroffen hätte. ich fühle mich auf eine gewisse art verwandt mit deinem innenleben. nur ganz so bescheiden wie du, war ich nie und werde es vermutlich auch nie sein. du hast deine einstellung dir selbst gegenüber sehr treffend auf den punkt gebracht:
"wenn ich nach dem werte meines lebens frage, so kann ich mich nur messen an den gedanken der jahrhunderte und da muss ich sagen: ja, es bedeutet etwas. gemessen an den gedanken von heute bedeutet es nichts."
der veröffentlichung deiner autobiographie standest du sehr skeptisch gegenüber - begreiflich, wenn man an die reatktion der leser auf "antwort auf hiob" denkt. darüber hast du gesagt:
"Ich habe dieses material mein leben lang gehütet und nie an die welt kommen lassen wollen, denn wenn daran etwas passiert, ist man noch mehr getroffen, als bei anderen büchern. ich weiß nicht, ob ich schon so weit weg von dieser welt sein werde, dass die pfeile mich nicht mehr erreichen und ich die negativen reaktionen werde ertragen können. ich habe genug am unverstand gelitten und an der isolierung, in die man kommt, wenn man sachen sagt, die die menschen nicht verstehen."
dein leben war die geschichte einer selbstverwirklichung des unbewussten. äußere ereignisse und begegnungen waren dir weitaus "unrealer" als das innere erleben. du hast immer gewusst, dass der mensch die äußere welt nur aus sich selbst erleben kann und dass es keine welt gibt, wenn es keinen menschen - kein bewusstsein gibt, um sie anzuschauen.
du wurdest 1875 geboren. deine erinnerungen reichen weit zurück. dein kindermädchen hatte dunkles haar und eine kreolische hautfarbe. du erinnertest dich bis ins hohe alter an den anblick ihres haaransatzes und des ohres. all das kam dir fremdartig und doch so merkwürdig bekannt vor. auf eine unbegreifliche weise hing das alles mit dir zusammen und mit anderen geheimnisvollen dingen, die du damals noch nicht verstehen konntest. der typus dieses mädchens wurde später zu einem aspekt deiner anima - des weiblichen anteils in dir. von ihr schreibst du:
"das gefühl des fremden und doch urbekannten, das sie vermittelte, war das charakteristikum jener figur, die mir später den inbegriff des weiblichen darstellte."
du hast dich früh mit dem gottesgedanken auseinander gesetzt. bevor du selbst lesen konntest, las dir deine mutter aus dem "orbis pictus" vor, einem alten kinderbuch. es gab abbildungen von brahma, vishnu und shiva, die dich mit unerschöpflichem interesse erfüllten und auf die du wieder und wieder zurück kamst. dabei hattest du das dunkle gefühl von verwandtschaft, über die du aber damals nie mit jemandem gesprochen hast.
Eskorte fragile - 16. Jun, 16:59






