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Getextet

Was mir blieb

Es ist Nacht. Leise Klaviermusik weht zu mir auf die Veranda und webt sich in Wellen durch meine streunenden Gedanken. Wohlig lehne ich mich zurück in Großmutters alten Ohrensessel und lausche in die Dunkelheit. Die Welt ist rund. Fast perfekt.
Ich liebe die Einsamkeit der ganz späten Stunden und der ganz frühen, wenn keine menschlichen Geräusche zu hören sind. Wenn der Duft und die Frische der Wiesen mich allein meinen und mir das Rauschen des Gräsermeeres Unerhörtes flüstert.
Das kleine Windlicht zittert und schenkt mir Zuflucht in einem weichen Kreis aus geschmolzenem Licht. Ich bin zu Hause.
Es riecht nach Stille und den Blüten des Kirschbaumes, der mir sein duftiges Rosa als Geschenk auf das alte Holz zu meinen Füßen streut. Samtschwarz schmiegen sich die Sträucher an das Haus. In einer Ecke unter dem Dach webt eine Kreuzspinne ihre silbernen Fäden in die feuchte Luft des aufkommenden Regens.
Dann klatschen zögernd die ersten schweren Tropfen auf das Vordach und den ausgetrockneten Pfad, der von meinem Haus zum Friedhof führt. Donner rollt sich über die Hügel in der Ferne und spaltet meine Stille, ohne sie zu stören. Ich fröstele leicht und ziehe die Jacke enger um mich. Meine Füße legen sich wie von selbst auf das Geländer. Ich reiße das Streichholz an und inhaliere aus hohler Hand meine Chesterfield.
Die Glut malt orange Gesichter in die Dunkelheit. Der Wind reißt mir den Rauch in Fetzen vom Mund und weht seine blaugraue Anmut in die Nacht. Ich schmiege mich tiefer in die Polster und schließe die Augen. Ja, ich bin zu Hause.
Hinter den Lidern finden meine Gedanken dein Gesicht. So unendlich vertraut bist du mir. Ich kenne jedes Detail. Alle deine Gesichter sind mir bekannt.
Ich liebte dich. Ich liebte dich für den trotzigen Ausdruck, wenn du wütend auf mich warst und für den der Hingabe, wenn wir miteinander schliefen.
Der Gedanke macht mich weich und Sehnsucht kriecht mir vom Schoß bis zum Hals und drückt mir die Kehle zu.
Fast zwei Jahre ist es her, dass du gingst. Mein Rückzug, nein meine Flucht in die Stille des kleinen Dorfes und die Obhut dieses Hauses, in dem ich heute wohne, war das Einzige, was gegen den reißenden Schmerz in mir half. Frieden finden und Wunden lecken und irgendwie überleben. Seither sind meine Pflanzen meine einzige Liebe und die Musik.
Und jetzt bist du da. Schwebst mit dieser unverschämten Leichtigkeit durch meinen Schädel und ich erinnere mich an deine seidigen Küsse und daran, dass du beim Abwaschen immer gesungen hast. Ich war meist im Nebenzimmer und lächelte still in mich hinein.
Ich erinnere mich an deinen weichen Bauch, deine Brüste, die warm und voll an meinen lagen in dem Bett, dass wir uns gebaut hatten, an die Mühe und den Spaß, und an deinen abgebrochenen Fingernagel, als du versuchtest, das schwere Kantholz aufzuheben.
Ich habe es beim Umzug nicht mitgenommen.
Mein Leben mit dir war mir nie eine Selbstverständlichkeit und das tröstet mich heute ein wenig. Ich liebte jeden Tag mit dir und hab dein Lachen und den Anblick deiner geschmeidigen Bewegungen tief in mich hinein gesogen. Meine Nase liebte ihren Platz in deiner Schlüsselbeinschale. Du hattest immer den Duft von Abenddämmerung an dir. Und ich habe deine Schönheit genossen; habe mich mit dir gefüllt bis du so sehr zu mir gehörtest, dass ich glaubte, ich müsse sterben ohne dich.
Bin ich auch fast.
Vor einem Jahr etwa, an einem kalten Wintertag bei einem der unvermeidbaren Wege in die Stadt, trug der Wind ein Geschenk zu mir. Dein Parfum. Es wehte herüber von der jungen Frau an der Haltestelle und katapultiere mich hinaus aus der dumpfen Lethargie, in der ich seit Monaten lebte. Der Augenblick des Verstehens ist wohl das Grausamste daran. Er ließ mich weinend im Schnee zusammensinken und häutete mir die frisch vernarbte Traurigkeit in Streifen von der Seele.
Jeden Sonntag zünde ich eine Kerze für dich an. Und wie immer bleibe ich nicht zum Gottesdienst. Es ist mir zu fremd. Noch bevor die Orgeltöne die kleine Sandsteinkirche füllen, gehe ich.
Die Stille in meiner Küche drückt mir heute nicht mehr das Trommelfell ein und die Luft zwischen den Pfannen und dem Tontopf, den du für die Kartoffeln gemacht hast, lässt sich wieder atmen. Ich greife nicht mehr lächelnd in der Nacht neben mich, um mich an dich zu schmiegen und mein neues Bett hat genau die richtige Größe.

Liebe und andere Peinlichkeiten

Ich bin ein Versager.
Alles, was ich anfasse, geht schief und nichts, was ich beginne, bringe ich jemals zu Ende. Schon gar nicht zu einem guten. Ich bin der traurige Beweis einer mißglückten Schwangerschaftsverhütung und einer durchzechten Nacht seitens meiner Mutter und meines Erzeugers und nichts von dem, was mir bis zu diesem Tag geschah, konnte mich bisher vom Gegenteil überzeugen. So wie heute war es schon immer.
Mein Vater, der von dem Kuckucksei nichts ahnte, war auf Grund seiner eigenen Komplexe schon seit meiner Geburt der festen Überzeugung, dass ich nichts taugte. Ich konnte nicht. Aus Prinzip.
Leider war ich auch keine Zierde. Was Schönheit und deren Gegenteil betraf, so lernte ich schnell. Es lag sozusagen in der Natur der Tatsache, denn ich kam ganz ohne Haare auf die Welt, dafür jedoch mit zwei schielenden Augen, die in exakt aufeinander abgestimmtem Winkel auf meinen Nasenrücken zeigten. Ein paar mitfühlende Ärzte versuchten, diesen Schaden bald nach meiner Geburt zu richten. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen, doch ich war dazu verdammt, für die nächsten Jahre Brillen mit abwechselnd zugeklebten Gläsern zu tragen, die mir mehr Spott einbrachten, als ich vertrug. Ich hasste sie aus ganzem Herzen und ließ einige davon heimlich verschwinden. Einmal verbuddelte ich sie im Sandkasten auf dem Spielplatz, ein anderes Mal versenkte ich sie bei einer Dampferfahrt in der Elbe. Doch es sollte mir alles nichts nützen. Der Ersatz war schnell besorgt, beklebt und auf meine Nase gesetzt.
Beim dritten Versuch erwischte mich mein Vater, als ich sie gerade in die Tiefen unseres Mülleimers versenkt hatte. Da er mich ohne Brille sah, roch er den Braten sofort. Wortlos kniete er nieder und wühlte mit schaufelnden Händen zwischen Damenbinden, Zigarettenasche und Wurstpelle. Aus Verlegenheit angelte ich mir verstohlen einen Apfel und versuchte, beim Abbeißen so wenig Geräusch wie möglich zu verursachen. Da mein Vater ein Choleriker erster Güte war, hatte ich Grund, das Ende seiner Suche zu fürchten, doch ich konnte mich nicht von der Stelle rühren. Ich presste die ganze Welt in den Apfel zwischen meinen Händen und bemühte mich, nicht daran zu denken. Doch da baumelte der Beweis meiner Tat bereits vor meinen Augen. Im selben Moment zerplatze die Ohrfeige an meinem Schädel, dass mir die Mütze vom Kopf flog. Schweigend ging er aus der Küche. Er redete drei Tage nicht mit mir.
Meine Mutter nahm ihren Erziehungsauftrag noch ernster. Sie warnte mich eindringlich vor Bakterien auf öffentlichen Toiletten, die mir dort in Scharen auflauerten. Eckenpisser rangierten bei ihr gleich nach dem Schwarzen Mann. Der Umstand, dass beide im selben Atemzug genannt wurden, ließ mich Zeit meiner Kindheit einen ängstlichen Bogen um sie machen. Sie wusch mich bis zu meinem zehnten Lebensjahr selbst, da sie meinen Ansprüchen an Reinlichkeit nicht traute und suchte in der Öffentlichkeit mit Spucke und feuchtem Finger meine Wangen nach vermeintlichem Schmutz ab.
Als ich zehn Jahre alt wurde, ließen meine Eltern sich scheiden und mein Vater verschwand spurlos. Die Psychose meiner Mutter nahm bedenkliche Züge an. Zwanghaft begann sie damit, alles zu zählen, was sie sah. Sie errechnete die Summen und Quersummen von Autoschildern, Hausnummern und Preisschildern und begann damit, die Zahlen in gute und böse einzuteilen. Das Fernsehprogramm war ihr natürlicher Feind, da es ihr täglich die Richtigkeit ihrer bösen Vorahnungen bestätigte. An ungeraden Tagen ging sie nicht mehr aus dem Haus und alles, was keine geraden Beträge hatte, durfte nicht mehr eingekauft werden. Da ich an einem 17. geboren war, schloss mich das nicht aus und sie mied mich bis zu dem Tag, an dem sie in die Nervenheilanstalt eingewiesen wurde.
So kam ich zu meinen Großeltern. Mein Großvater war ein vertrocknetes kleines Männlein, das einen absoluten Herrschaftsanspruch pflegte. Davon überzeugte er seine Umwelt mit furchterregenden Wutausbrüchen und strafte jede Art von Mißachtung seiner Hoheit mit lautem Gebrüll und einer ausufernden Gewalt an leblosen Dingen. Meine Großmutter sparte sich jede Bemerkung darüber. Sie war ein ebenso anspruchsvolles, aber weitaus friedfertigeres Wesen. Ihre Werte hießen Sauberkeit, Rechtschaffenheit und Bescheidenheit. Als vierten Hausgenossen gab es einen grünen Wellensittich, den Großvater abgöttisch liebte. Er hätschelte das Tierchen und ließ es aus seinem Mund die zerkauten Brotkrümel picken. Der Vogel wurde elf Jahre alt und langweilte sich nie. Als er starb, sah ich meinen Großvater zum ersten und einzigen Mal weinen. Seine Frau lebte noch fünf Jahre länger.
Doch für mich war die Zeit gekommen, über die Liebe nachzudenken. Ich verlor mein Herz an eine blonde Englischlehrerin und ihre braunen Augen. Mein Benehmen ihr gegenüber war blamabel, denn ich war von Sinnen. Ich klebte an ihr wie ein Hündchen, das schwanzwedelnd um Aufmerksamkeit bettelt und streunte abends vor ihrer Haustür auf und ab. Sie hatte eine Affaire mit unserem Physiklehrer und ich hasste ihn dafür, dass er sie unglücklich machte. In meinen Träumen rettete ich sie auf alle erdenklichen Arten aus dieser Misere. Für mich verstand es sich von selbst, dass man für so viel Heldenmut nur geliebt werden konnte. Ich verfolgte sie hartnäckig drei Jahre lang, doch es sollte mir nichts nützen. Sie wollte nicht gerettet werden.
Auch später war Liebe immer eine Sache, die etwas mit Anstrengung zu tun hatte. Da sich niemand die Mühe machte, mich zu retten, sammelte ich in wechselndem Durchlauf die ärmsten Seelen, die ich fand, um sie von ihrem Leid zu erlösen. Doch auch sie blieben nicht und ließen mich noch leerer zurück als zuvor. Die Zahl meiner Exfrauen hinterließ eine traurige Bilanz und unter dem Strich leuchtet mir bis heute nur die Summe meines Versagens entgegen.
Ich kann weder meine Arbeit noch meine Frauen halten und wenn ich heim kehre, so wartet ein Haufen ungewaschener Wäsche, eine chaotische Küche und ein rümpeliges Zimmer auf mich. Hier begegne ich niemandem. Nicht einmal mir selbst. Und wenn mich jemand fragt, wie es mir geht, so sage ich: „Danke, ich kann nicht klagen“ und das ist die Wahrheit. Ich kann es einfach nicht.

Alles und nichts

Wer mag es mir verwehren, die Unverschämtheit zu besitzen, alles zu sein? Wer mag die Ausdehnung meiner inneren Landschaft verhindern in ein Alles-was-ist?
Ein Wort könnte ich sein – bestehend aus einzelnen Buchstaben, herausgeboren aus einem langen Schweigen, könnte sichtbar werden und ausfließen mit Atem, als atmete man Samt aus – mit jeder Silbe fordernd, dass jemand vermag, es auszusprechen – vielleicht um eine Wahrheit zu benennen oder ein Flüstern zu sein am Ohr der Liebsten und das lang Ersehnte vor ihr auszubreiten wie Mondschein auf dem Weg zu ihren Füßen, berührt von ihrem Nachtschatten.
Oder vielleicht auch ein Schweigen, bis zum Rande gefüllt von Eigenem? Wie viel Kraft braucht es, um sich dann zu ertragen in dieser Fülle und Einsamkeit, die sich voll und still um Einen hüllt und sich wie Schnee lautlos und mit bescheidener Gebärde niederlässt auf den Feldern im November?
Manchmal will ich Wind sein, mich ansammeln mit den Düften der Weite, bis ich vibriere, zu zerspringen drohe und mich als Naturgewalt über die Ebene atme in kraftvoller Geschmeidigkeit. Ein Biegen meines nackten Rückens würde einen Taifun gebären, das Spiel der Muskeln – stromlinienförmig den Winden angepasst – bewegte Welten und verschöbe Wolken, so wie ein Kind sein Spielzeug bewegt. Und dann, wenn die Müdigkeit mich einholt, am Ende eines Tages, möchte ich weiches Hügelgras streicheln – zärtlich, wie ein Liebender und Blütenkelche in unendlicher Sanftheit halten und ihre Schönheit besingen. Ja, es bestünde sogar die Gefahr, zu glauben, man wäre aus dem Eigentum der Welt entlassen und sie und der Tag wären Einem zu eigen. Wäre das nicht wahrhaft vermessen?
Vielleicht wäre ich auch gern ein Geräusch – das eines Schwertes etwa, welches unmessbar langsam aus seiner Scheide gezogen wird – metallisches Reiben – Stahl an Stahl – und könnte Zeuge sein für jede eingegrabene Scharte, für jede Erhebung auf stählerner Haut. Ob man wohl um die Folgen einer solchen Bewegung wüsste? Ob man die nachfolgenden Tode erahnen würde und die nachfolgenden Siege, die niemals ganz gesiegt sein können?
Wer mag die Freude beschreiben, die Einen ereilt, wenn man sich dafür entscheidet, wieder ein Kind zu sein – wenn man will in einer Kindheit, wie sie hätte sein sollen? Wer stellt sich diese Augenblicke vor: Die Begeisterung aus Kindertagen, mit der man eine Schüssel an die Lippen setzt, um sie – gierig nach Leben – gierig nach allem – bis zur Neige zu leeren und zu leben, nur für diesen Augenblick? Schlucken – schmecken – nichts mehr!
Oder eine verloren gegangene Eitelkeit, wissend darum, dass man nur aus einem Grund allein gelebt hat: Weil ein Mensch geliebt sein wollte.
Manchmal wäre ich gern ein Stück Brot in den Händen von Einem, der lange nichts aß. Man stelle sich die Kostbarkeit und die Andacht vor, mit der man berührt und an einem gerochen wird und wie sehr man dazu gemacht ist, zu dienen!
Wer denkt sich das Erstaunen, das Einen ergreift, wenn man beschließt, eine flüchtige Müdigkeit zu sein oder auch eine große Erschöpfung. Wie, wenn es selbst für sie einen Ort gäbe, um sich abzulegen in einem Größeren und man dort hinein gleiten könnte, so als gehöre man schon immer dort hin? Und wer begreift, wie alt dieser Wunsch ist, wenn man ermessen kann, wie sehr man dort willkommen ist? Wenn man als Erschöpfung vor lauter Größe so klein ist, und vom Kleinen das Kleinste?
Oder wie wäre es, eine Freiheit zu sein? Ich meine keine von den kleinen Freiheiten, die gemeinhin also solche bezeichnet werden, sondern eine, deren aufgespannte Flügel man kaum abschreiten kann und deren Erhabenheit aus der Bescheidenheit lebt. Man käme über jemanden – vielleicht über Nacht und völlig ohne Vorankündigung – und fände ein Gesicht in Tränen aufgelöst über das tiefe Verstehen und hinterließe Spuren aus Sonne in ihm.
Manchmal wäre ich vielleicht auch gern ein dunkles Zimmer mit geöffneten Fenstern und einem Rest von Abendwind darin, der die Düfte der Sommerblüten des vergangenen Tages noch in sich trägt. Man hätte die große Aufgabe, Schlafende in sich zu bergen, die eng umschlungen nach einer Liebesnacht auch noch im Traume einander zulächeln oder ein Kind, dessen ängstliche Bitte, nicht von Schrankmonstern gefressen zu werden, wir halten müssten bis es endlich einschläft – erschöpft von so viel Furcht. Vielleicht müssten wir auch viel von unserem Dunkel zwischen Zwei schieben – ein ganzes Universum voll – um ihnen genügend Raum zu geben?
Nein, heute, an diesem Tag, wähle ich, ein Abschied zu sein, ein Weggehen, ein Tod und damit ein Alles und ein Nichts zugleich.
Ich komme – abseits – wie es sich gehört – und jenseits der Eitelkeiten – sie gehen mit mir. Ich hole alles Leben aus dem wildesten Tanz heraus und werfe mich ab ins Nichts der Seele – ohne Wände und ohne Grenze und falle ins Bodenlose. Ich bin des Schlafes großer Bruder und vermag, was sonst nichts und niemand vermag: Ich bringe die Wende und die Heimkehr und ich bringe sie mitten ins Leben. Nichts ist mehr zu Halten geblieben und ich erlöse alles Wünschen, jedes Begehren, Suchen, Streben, Sehnen und Wandern. Es wird ruhig.
Alle Lasten lüften sich und wandeln sich in Leichtigkeit. Ich hinterlasse keine Angst. Alles, was dich an die Wege der Masse band und dich hinderte, du selbst zu sein, gebe ich frei und schenke dir ein großes Loslassen, dass du nicht länger gebunden bist an ihre Fesseln und du ihren Beifall nicht mehr brauchst.
Ich zeige dir, dass auch ich Liebe bin, die Liebe zu allem SEIN, dass du mich – wie auch den Schmerz – nur in deiner Unkenntnis gefürchtet hast, dass ich – wie auch die Geburt – zum selben Ding gehöre, welches du Leben nennst. Ohne eines von Ihnen, kannst du nicht sein, denn alles ist Eins.
Ich bewege dich, so dass du deine Trauer aufgeben kannst, nicht der Mensch gewesen zu sein, als den du dich gern gesehen hättest und dass du so oft deinen eigenen Ansprüchen an dich selbst gerecht nicht wurdest. All dies streife ich von dir ab wie eine alte Haut, damit du neu werden kannst und der werden, als der du schon immer gemeint warst.
Und so wirst du zurück gegeben – gleichgültig – ob ich im Kleinen komme - in den Abschieden - oder im Großen, am Ende deines Lebens. Und du wirst zur Arbeit gehen, kochen und vielleicht der Liebsten das Haar kämmen, als Einer, der wiedergeboren wurde, weil er zu sterben verstand.

Essay-Wettbewerb "Freiheit...."

Beitrag zum Essay-Wettbewerbung der Stadt Weimar zum
S c h i l l e r j a h r 2005



Die Freiheit - als eine schöne Kunst betrachtet

In einer Zeit, in der die Werte so wandel- und dehnbar geworden sind, wie in kaum einer anderen Epoche und einer Welt, in der der von Hunger und Kriegen bedrohte Teil der Bevölkerung beinahe täglich wächst, hängt die Definition des Begriffes „Freiheit“ und seine Bedeutung mehr denn je davon ab, auf welchem Kontinent und in welchem sozialen Umfeld wir aufwachsen und leben. Dem politisch Verfolgten, dem in seiner Menschenwürde Verletzten, dem Inhaftierten wird die Freiheit eine Notwendigkeit oder sogar eine Überlebenschance bedeuten, wo hingegen sie dem mitteleuropäischen Angestellten nur im besten Falle eine Kunst ist.

Der Freiheitsbegriff wird ihm vom Standpunkt seiner wirtschaftlichen und sozialen Privilegien aus gesehen auf den ersten Blick vielleicht sogar ein wenig antiquiert erscheinen. Wie wenig verstaubt er jedoch auch hierzulande in Wirklichkeit ist, zeigen uns vor allem die jüngeren Generationen, die sich mit Lehrstellenmangel, Perspektivlosigkeit und Sinnfragen auseinander setzen müssen und die Situation in den Schulen und Familien.

Die Kunst, von ihren Anfängen in Arbeit, Religion und Ritual abgespalten, gedeiht nur auf sattem Boden gut und obwohl wir alle im Laufe unseres eigenen Individuationsprozesses der Frage, was Freiheit uns bedeutet, begegnen, ist sie mit all ihren unbequemen Erkenntnissen und Konsequenzen kaum ein Alltagsgegenstand geworden.

Bei der Beantwortung der Frage, inwieweit die Kunst eine Wahlverwandtschaft mit der Freiheit eingehen kann, bleiben wir unweigerlich an der Definition des Begriffes an sich hängen. Was also heißt Freiheit überhaupt und inwieweit ist sie für den Einzelnen bzw. innerhalb einer Gesellschaft zu verwirklichen?
Wie wenig der Freiheitsbegriff trotz aller Aktualität zu einem Allgemeingut geworden ist oder überhaupt in bewusste Überlegungen eingeht, geschweige denn im Zusammenhang mit Begriffen wie Moral und Ethik steht, zeigen Teilantworten wie „Freiheit ist die Fähigkeit, selbständig Entscheidungen zu treffen“, „Demokratie“ oder sogar „Freiheit bedeutet, zu tun, was man will“ und „keine Verpflichtungen zu haben“. Sicher können das alles Teilaspekte, Voraussetzungen und Merkmale der Freiheit sein, doch was ist eine Freiheit, die sich von der Verantwortung für sich selbst und andere ablöst und für die Verantwortung und Disziplin gleichbedeutend sind mit Unterdrückung und Unfreiheit?

Eine so verstandene Freiheit führt den Einzelnen in eine Existenz, die sich ausschließlich an der eigenen Bedürfnisbefriedigung orientiert und diese - seine Maxime – auf Kosten von Sozialisation und einer wirklichen Individuation zum Götzen erhebt.

Der moderne Begriff von Freiheit impliziert bereits einen Gewaltmoment. Beispiele aus der Geschichte belegen nicht nur, dass das Hinwegsetzen über Freiheit und Menschenwürde zu Despotismus und Tyrannei führt, sondern auch, dass sich alle noch so liberalen Freiheitsideale auf dem Pulverfass einer Insurrektion radikalisieren und mit der gleichen Art von Machtausübung agieren, wie die zuvor bekämpften Tyrannen.

Diese Erkenntnis ist so wenig neu wie die Erfindung des Rades, denn bereits in den Hermetischen Prinzipien finden wir im Lehrsatz über das Gesetz des Rhythmus: „Alles fließt aus und ein, alles hat seine Gezeiten, alle Dinge steigen und fallen, das Schwingen des Pendels zeigt sich in allem; das Maß des Schwunges nach rechts ist das Maß des Schwunges nach links; Rhythmus kompensiert.“ [Hermetische Lehrsätze, 7. Prinzip]
Bezogen auf das Thema Freiheit bedeutet dies also, dass der Drang danach in ebenso starkem Maße besteht, in dem wir in Unfreiheit leben, bzw. auf der Handlungsebene: Die Gewalt einer Insurrektion im Namen der Freiheit ist ebenso groß, wie die der voran gegangenen Tyrannei, denn Rhythmus kompensiert immer ein Übermaß zum einen oder zum anderen Pol hin. Das heißt also, dass beide Pole (Freiheit und Unfreiheit) auf der Ebene des Erlebens sehr dicht beieinander liegen und einer Gesetzmäßigkeit folgen.

Nietzsche formulierte es so: „Wonach misst sich die Freiheit, bei Einzelnen, wie bei Völkern? Nach dem Widerstand, der überwunden werden muss, nach der Mühe, die es kostet, oben zu bleiben. Den höchsten Typus freier Menschen hätte man dort zu suchen, wo beständig der höchste Widerstand überwunden wird...“

Die Kunst besteht jedoch nicht darin, auf das Pendel zu steigen und die Kraft des schon begonnenen Rückschwunges zu nutzen. Um zu erfahren, inwieweit Freiheit als eine Kunst betrachtet werden kann, müssen wir uns nicht nur wieder dem Einzelnen zuwenden, da ein Staat ebenso aus Einzelwesen und deren Interessen besteht, sondern uns auch die Frage stellen, inwieweit Freiheit und humanistische Emanzipation als Individuum zu verwirklichen sind und ob das Kollektiv oder die Gesellschaft, deren Interessen sich mitunter erheblich von denen des Individuums unterscheiden, dabei förderlich oder eher hinderlich ist.

Was bedeutet Freiheit für den Einzelnen? In der zunehmenden Vertechnisierung und Verwissenschaftlichung der Gesellschaft und dem damit einher gehenden Verlust von sozialen Kontakten, Gemeinschaft, Ritual und Religion im Sinne von Religio = Urbindung, wird er dazu ebenso wenig Orientierungspunkte außerhalb von sich selbst finden, wie geistig-humanistische Ideale.

Die Voraussetzung für eine individuelle Definition kann somit vorerst nur in einer erhöhten Aufmerksamkeit liegen und in der Reflexion seiner Lebensumstände, die ihn in seinem Wollen und Wachsen fördern bzw. beschränken (zwei Pole). Genau an diesem Punkt legt er den Grundstein der Kunst.

Die objektive Betrachtung der eigenen Interessen, Chancen und Hindernisse sowie das nötige Interesse an der individuellen Evolution und der Akzeptanz der damit einher gehenden Unbequemlichkeit, setzt bereits einen gewissen Grad an humanistischer Reife voraus und bildet die Basis für alle weiteren Überlegungen. Ist er an diesem Punkt angelangt, so ist er vergleichbar mit dem Entfesselten aus Platons Höhlengleichnis und befindet sich bereits auf dem Weg in den „denkbaren Raum“, in dem er mehr oder weniger schmerzhaft erkennen muss, dass alles das, was er bisher zu wissen glaubte, einem Nichtwissen gleich kommt.

Er wird traditionelle Werte und Überlieferungen und deren Wertigkeit für sich selbst in Frage stellen und wird – wenn überhaupt – nur über den Weg der Kompensation wieder zu einer friedlichen Vereinigung mit ihnen gelangen. Auf diesem Weg aber wird er nicht nur Manipulationsmuster von außen erkennen und bekämpfen, sondern im fortgeschrittenen Stadium auch Selbst-Sabotageakte, Vermeidungshaltungen und selbstschädigende Verhaltensmuster aufdecken, die der ausschließlichen Bedürfnisbefriedigung angehören, was insgesamt zu einer Transzendenz dieser Bedürfnisse und der Relationen führt, in der sie gelebt werden, sowie zu der Erkenntnis, dass Freiheit, im Sinne von Autonomie und Individualisation, eines Rahmens, einer Gesetzgebung bedarf, die sich durch Sittlichkeit und Ethik definiert.

Er wird erkennen, dass der moderne Freiheitsbegriff nichts gemeinsam hat mit Verantwortung und Ethik und dass im Gegensatz dazu Verantwortung für sich selbst und andere nicht im Widerspruch zur Freiheit steht.

Auf diese Weise wird er den Schritt vom „Herdentier“ zum Individuum vollziehen und in der Lage sein, weitgehend unabhängig von Projektion und Manipulation durch Schuld und das gezielte Bedienen seiner Sehnsüchte, zu leben. Doch gerade die Bedürfnisse und Sehnsüchte werden nicht länger unbewusst nach Befriedigung in ihm verlangen – im Gegenteil: sein Status als Individuum wird ihm bewusster sein, als jemals zuvor und er wird mehr denn je erfahren, was Rainer Maria Rilke meinte, als er schrieb, dass wir alle „unaussprechlich allein sind“. Er wird sich selbst zuliebe den Mittelweg wählen zwischen Fanatismus und Bequemlichkeit, zwischen Vernunft und Instinkt und zwischen Festhalten und Loslassen und seine Entscheidungen und Handlungsweisen immer aufgrund eigener Überlegungen und unter Berücksichtigung von Ursache und Wirkung für das Ganze überprüfen.

Was aber fängt ein Kollektiv oder eine Gesellschaft mit einem freien Individuum an, bei dem die üblichen Manipulationen zu einem Großteil nicht mehr greifen, dem man weder mit Vereinzelung und Ausschluss aus der Gemeinschaft drohen, noch mit einer echten oder vorgetäuschten Bedürfnissbefriedigung ködern kann, weil es sich bereits selbst bis zu einem gewissen Grad ausgeschlossen und ein Bewusstsein über seine wirklichen Bedürfnisse erlangt hat bzw. auch Wege gefunden hat, diese zu befriedigen? Das Individuum braucht ja die Gemeinschaft und soziale Kontakte trotzdem, auch wenn das Ausmaß der Abhängigkeit ein anderes, unmittelbareres geworden ist. Es interagiert ja trotzdem mit der Umwelt und dem „Du“ und es braucht seinen ganzen Mut, eine gesunde Prise Idealismus und seine Entschlossenheit, auch inmitten von „Herdentieren“ ein Individuum zu bleiben und seine Freiheit zu bewahren.

Es liegt nahe, dass ein Staat oder eine Gemeinschaft aus machtpolitischen und wirtschaftlichen Interessen, wenig Engagement und Mittel daran verschwendet, seinen Angehörigen und Mitgliedern diese Freiheit in die Wiege zu legen und sie zu autonomen Individuen zu erziehen. Bestenfalls wird sich der Einzelne weder behindert, noch gefördert finden. Ein Staat bzw. eine Gemeinschaft wird seiner Aufgabe, Mittel zur Weiterentwicklung der Menschheit zu sein, nur dann gerecht werden, wenn er seine „Elternrolle“ mit Verantwortungsbewusstsein trägt, denn so wichtig die Beschneidung eines Individuums von außen für seine Entwicklung sein kann, so bedeutungsvoll ist doch ebenso eine Erziehung und Bildung zu Humanität und Individuation.

Die Idee, Freiheit und damit alle Vor- und Nachteile, die sie mit sich bringt, eingeschlossen, als eine Kunst zu betrachten, findet also ihre Realisierung für den Einzelnen zu allererst darin, gleichzeitig ein Individuum und ein gesellschaftsfähiges Wesen zu werden und zu bleiben.

Doch selbst nach vollzogenem Ausgleich zwischen Autonomie und Sozialisation befindet sich das Individuum noch immer zwischen zwei Polen, die es mit permanenter Aufmerksamkeit auszugleichen gilt, so dass wir uns fragen müssen, ob Freiheit und die Kunst, sie zu leben, darin besteht, die Wahl zu haben (und es zu wissen) und ob es genügt, zwischen Aufmerksamkeit und Bequemlichkeit zu wählen und das Ausgewählte konsequent umzusetzen.

Nach vollzogenem Ausgleich hat das Individuum die permanente Aufmerksamkeit gewählt, deren Gegenteil die Unaufmerksamkeit ist, die in unserem Beispiel mit einem Zurückfallen in die „Herde“ gleichzusetzen wäre. Eine bewusste Wahl und eine daraus folgende konsequente Umsetzung, ist hier dauerhaft unmöglich, denn das Pendel des Rhythmus verweilt niemals an einem von beiden Polen. Wählt man den einen, wählt man damit gleichzeitig auch den anderen, denn sie sind untrennbar miteinander verbunden. Niemand kann also permanent aufmerksam sein. Das Problem der Polarität findet sich auf allen Ebenen und in allen Bereichen des Daseins wieder, so dass wir – mit dem Wissen um das Gesetz des Rhythmus – immer und unabhängig von unserer bewussten Wahl zwischen zwei Extremen und in den dazwischen liegenden Schattierungen leben.

Wenn wir also Kunst als einen Begriff definieren, welcher etymologisch aus dem mittelhochdeutschen Können abgeleitet ist, und das Können als eine Gabe oder Fähigkeit, deren Besitzer ein Könner oder ein Meister auf seinem Gebiet ist, kommen wir auch ohne den Hang zum Mystizismus zu der Frage, worin die Meisterschaft im Dasein innerhalb der Polarität besteht.

Eine Antwort darauf finden wir in der buddhistischen Philosophie. Das Ziel eines Buddhisten ist es, sich durch die Entwicklung von Ethik und Weisheit vom Rad des Leidens und der Wiedergeburt zu befreien, den erleuchteten Zustand des Nirwana und damit die Meisterschaft über das Dasein innerhalb der Polaritäten zu erlangen. Dieser Anschauung zufolge entsteht das Leiden durch das Begehren und das Anhaften an weltlichen Dingen, Ideen und Vorstellungen und der damit verbundenen Illusion des „Ich“. Der Wandel, der sich nur innerhalb der Polaritäten vollziehen kann, und das Begehren fügen dem „Ich“ Schmerzen zu, denn naturgemäß begehren wir die Freude, das Glück, den Reichtum, die Gesundheit, den Frieden, die Liebe usw., was alles nur eine Seite der Medaillie, einen Pol widerspiegelt. Schmerzen erleiden wir bei dem Auftreten eines Mangels daran, so dass es immer die selben Dinge sind, die uns erfreuen und glücklich machen, wie die, die uns traurig und unglücklich machen. Dem zufolge gibt es nur außerhalb des Wandels einen unbeweglichen Punkt, an dem weder Leiden noch Begehren existieren: das Nirwana.

Eine Freiheit innerhalb der Polarität ist also nur eingeschränkt zu verwirklichen und immer mit der Gefahr einer erneuten Unfreiheit verbunden, gleichgültig ob es sich dabei um ein Individuum oder einen Staat bzw. eine Gemeinschaft handelt.

Bemühen wir zusätzlich noch das hermetische Prinzip der Entsprechung: „Wie oben - so unten, wie innen - so außen, wie der Teil - so das Ganze.“ [Hermetische Lehrsätze, 2. Prinzip], können wir behaupten: Wie das Individuum, so die Gesellschaft, in der es lebt und umgekehrt, bzw. die Werte, Vorstellungen und Ziele des Einzelnen spiegeln sich in der gesellschaftlichen Lebensweise, Politik und Kultur wider und umgekehrt?
Wenn das wahr ist, so gelangen wir auf der Suche nach der Verwirklichung von Freiheit im Sinne von Autonomie und Individuation zur klassischen Huhn-Ei-Frage, denn ohne einen Impuls, der diese Statik in eine Dynamik wandelt, müssen wir dem Einzelnen eine individuelle Fortentwicklung ebenso absprechen, wie der Gemeinschaft oder dem Staat eine allmähliche Evolution in Richtung der humanistische Ideale.

Doch daraus folgt noch eine zweite Schlussfolgerung: Wenn das wahr ist, so ist selbst die Möglichkeit einer Realisierung der unerreichbar erscheinenden Ideale von Beginn an vorhanden, und so, wie ein Samenkorn bereits alle Informationen der komplett ausgebildeten Pflanze enthält, so enthält der Mensch ebenso die Anlage, seine Ideale – den Samen, die Idee – zu verwirklichen.

Wenn wir die Freiheit als eine Kunst betrachten wollen, besteht die Kunst also darin, all diese Zusammenhänge zu erkennen und das Außergewöhnliche zu wagen, Impulsgeber und Katalysator zu sein?

Abgelöst von Religion und Spiritualität steht der heutige Kunstbegriff für „eine nicht primär durch ihre Zweckmäßigkeit, sondern durch ihre unterschiedlich verstandene Ästhetik geprägte“ Form der Gestaltung [Wikipedia Enzyklopädie].

Ein Spaziergang durch die Geschichte, mit Ausblick auf Gerichtsprozesse gegen Maler und Publizisten, Indizes und Bücherverbrennungen zeigt, dass Kunst ein Impulsgeber und Katalysator ist, deren gesellschaftlich-politische Zensur kongruent ist mit dem Maß an Totalität der regierenden Macht. So verwirklicht sich Freiheit also auch in der Kunst und diese wiederum erblüht in ihrer ganzen Vielfalt nur dort, wo Freiheit ist, die mehr beinhaltet, als die Befriedigung existentieller Notwendigkeiten.

Zusammenfassend können wir somit festhalten, dass sich die Kunst der Freiheit – gelebt oder ideell – in mehrere Verwirklichungsschritte oder Kategorien aufteilen lässt:
Der Einzelne muss es wagen, sich auf seinem Weg zur Freiheit und Individuation aus Platons Höhle der Schatten zu befreien und sich von „den Gefesselten“, die die Schatten an den Wänden für real halten, absondern, um die Möglichkeit zu haben, auszumachen, was real ist und was er bisher – gleich der Herde – dafür hielt. Dies ist für ihn die Zeit der Reflexion des Alten und Neuen sowie seine persönliche Beziehung dazu und bildet die Basis für eine Freiheit, die einmal als eine Kunst betrachtet werden kann.

Die wahre Kunst der gelebten Freiheit nimmt erst innerhalb des Reifegrades ihren Anfang, in dem der Balanceakt zwischen Absonderung und Integration, zwischen Bedürfnisbefriedigung und Verantwortung ihren Abschluss gefunden hat und zu einer dauerhaften Stabilität führen soll, und nach der Erkenntnis, dass dies innerhalb der Polaritäten nicht zu verwirklichen ist, sondern entweder nur mit Rückschlägen oder mit Hilfe des Transzendierens aller Vorstellungen gemeistert werden kann.
Und so, wie das Erschaffen von Kunstwerken immer eine Gabe von Einzelnen sein wird, ist es die als Kunst gelebte Freiheit ebenfalls, so dass wir dem Ausspruch Nietzsches recht geben können, dass „es immer noch die Zeit der Einzelnen ist“. [Menschliches II Wanderer 350]

Seiner Behauptung jedoch, dass nur dem „veredelten Menschen“ die Freiheit des Geistes gegeben werden dürfe, müssen wir widersprechen. Ihm muss man sie nicht mehr geben, denn er besitzt sie schon längst.

Die Passion der Stille

Es ist kalt. Die Tage werden länger. Der Himmel, der durch das Fenster dringt ist nicht blau. Aber es ist der Himmel. Wie eine kranke Grille liege ich seitlich auf dem Bett und starre hinaus, die Arme und Beine vor dem Bauch gefaltet. Betäubt. Meine Augen sind so trocken, dass sich die Lider schwer an den Augäpfeln reiben. Ich kann es fast hören. Es klingt wie das Geräusch von Fell, wenn eine Hand es streichelt.

Es ist still, bis auf das Geräusch von klapperndem Besteck auf Tellern in der Ferne; es ist Mittagszeit. Irgendwo, in anderen Leben, anderen Wohnungen, an anderen Tischen, essen Menschen und reden vielleicht. Ich esse und rede nicht. Nicht so lange die Wörter nicht wiederkommen. Ich will nichts schmecken, nichts hören, nichts riechen und nichts sehen, bevor ich nicht weiß, WIE es riecht, aussieht, schmeckt und sich anhört. Wenn ich könnte, würde ich aufhören zu atmen. Das Leben findet anderswo statt – draußen, hinter Glas.

In einem Meer aus Glasmurmeln, die meine Wörter und Gedanken in ihrer Mitte verschließen, will ich hinab tauchen wie ein Perlenfischer, hinunter in die Tiefe, in der es keine Zeit mehr gibt, keine Zensur und keine Angst vor dem Versagen – Versagen vor anderen und vor mir selbst. Vor allem vor mir selbst. Aber ich bleibe hängen zwischen den Schlingen von „wenn“ und „dann“ und sie rollen fort bis zum Horizont.

Ich habe immer alles begriffen, auch als ich noch ganz klein war, aber ich sprach nie darüber. Ich wusste, dass der Lippenstift am Glas der Frau neben mir, ein Versprechen war, genauso wie der Leberfleck an ihrem Hals, ihr Lächeln und das Grübchen am Kinn. Ich wusste ebenso, dass sie es vielleicht einlösen würde, wenn der Mann, der ihr gegenüber saß, aufhören würde, so laut zu lachen.

Ich verstand alle klappernden Bestecke, alle offenen Hosenschlitze, Glatzköpfe und Tellermuster und alle vorbei rasenden Züge, die in mir immer die Empfindung auslösten, ich wäre allein zurück geblieben und hätte etwas verpasst. Ich verstand es, doch ich konnte nichts darüber sagen.

Drüben haben sie aufhört, zu essen. Ich bin wieder allein mit mir und der Stille; ein Perlenfischer ohne Hände in einem Meer aus Schweigen. Es ist wichtig, so zu liegen und die Geste eines Wunschlosen zu machen. Das Wollen gefährdet die Entbindung der Worte, treibt sie ab und macht sie zu Totgeburten. Ich liege und versuche, ganz Gegenwart zu sein – ein zeitloser Moment zwischen vorhin und gleich – und ich begreife, dass sich die schlimmsten Katastrophen nicht draußen abspielen oder in der Ferne. Nein, sie brechen immer in Zimmern über einen herein, zwischen Nachttischlampen und Betten oder über den Resten eines stehen gelassenen Essens.

Ich liege und lasse es geschehen. Sie entlarvt meine Lüge der Wunschlosigkeit und saugt mein Blut aus den Adern, bis nur noch meine Hülle übrig bleibt, ein Stück gefaltete Haut, eine Mumie – einbalsamiert für die Ewigkeit mit der Asche meiner verlorenen Worte.

Bis zum Abend liege ich so. Die Dunkelheit erlöst den blassen Himmel und mich. Ich gebe mich geschlagen, ignoriere den Hohn des leeren Blattes und versuche, es als einen Gegenstand zu begreifen, der in mein Bett gehört, so wie mein Kopfkissen. Entmutigt lege ich meine pochende Schläfe auf das Papier. Es ist kühl und riecht nach schlechtem Gewissen und nach Vergessen.

Ich atme ein und halte die Luft an. Es riecht nach VERGESSEN!
Plötzlich bin ich hellwach. Ich renne zum Bücherregal ins Wohnzimmer. „Der Graf von Monte Christo“ - illustrierte Ausgabe von 1902. Zitternd stehe ich vor den sich auflösenden Seiten, befingere, begutachte, befrage sie wie ein Orakel, halte meine Nase hinein und atme, als ginge es um mein Leben.
Ja! Es duftet nach Märchen, nach Halmaspielen mit Oma, nach Schwalbenrufen und Eisbomben mit Rosinen – es duftet nach Erinnerung und Vergangenheit!

Ich flitze in die Küche und löffele Joghurt vor der offenen Kühlschranktür: Unschuld und Sünde zugleich – Agape und Amore – Zärtlichkeit, Liebe, Verführung!

Ich muss lachen. Mit geschlossenen Augen tauche ich meinen Finger abwechselnd in ein Glas mit indischer Soße und den Joghurtbecher. Es ist vollkommen so und ich begreife, dass ich kosten muss, um zu wissen, wie es schmeckt, so wie ich atmen muss, um zu leben, und dass immer alles da ist, nur ich manchmal nicht.

Du darfst auch singen

(überarbeitete und fortgesetzte Fassung von Teil I)

Die Wahrheit tut weh, sagst du, und drückst deine Zigarette aus. Das nächste Stück der Orange wandert in meinen Mund. Ich lecke mir den Saft von den Fingern und beschließe, dass ich dich nicht höre. Heute nicht. Ich sage dir auch nicht, dass Hoffnung ebenso weh tut. Heute will ich, dass du siehst, mit wie viel Hingabe ich esse. Ich mache es nur für dich. Es ist mein Weihnachtsgeschenk. Der Saft läuft an meinem Kinn herab, tropft mir in den Schoß und bildet ein klebriges Rinnsal auf meinen Schenkeln. Aber du willst mich nicht anschauen. Du willst gehen. Sonst nichts.
Entschlossen erhebst du dich und stößt dabei an den Tisch. Eine Nuss rollt auf dem Teller. Meine Brüste schlagen schwer zurück gegen meinen Bauch, als ich mich vorbeuge, um ihrem Hin und Her ein Ende zu machen. Kannst du mich jetzt ansehen? Jetzt, wo ich dir Grund gebe, Belangloses zu sehen?
Schau dich doch an, sagt dein Blick und ich sehe die Flecken auf dem Tisch, auf dem Teppich und auf mir. Sagtest du gerade Wahrheit tut weh?
Komm, setz dich wieder. Weißt du denn nicht, was ich will? Eine Höhle will ich für dich sein. Eine Höhle ohne Denken am Anfang von allem. Schwarz, dunkel und warm, in der es alles gibt, außer Spiegel. Das wird hart für dich werden, Baby, und du weißt es. Dein Schweiß stinkt nach Angst. Die Schatten werden dich jagen bis du ein Mutiger wirst oder stirbst. Komm, du darfst auch singen, wenn du dich fürchtest.
Schweigend lege ich meine klebenden Handflächen aneinander und sehe dich an. Du beginnst leise zu summen und ich bin sicher, du weißt nicht, weshalb. Eben wolltest du mich noch verlassen, aber jetzt ist es zu spät, nicht wahr? Ich will dich und deshalb lasse ich dich nicht raus und wenn du verreckst.
Ich habe fast Mitleid mit dir, wie du da sitzt. Die Hände in die Sessellehne gekrallt, mit weißen Nägeln und blutleeren Lippen. Deine Augen stehen an der Tür. Sehen sie schon das gelobte Land? Komm, ich zünde dir eine Laterne an, damit du dich nicht verirrst. Es ist besser, du gehst nackt.
Du leckst dir die Lippen und deine Augen sind so trocken, dass sich die Lider schwer an den Augäpfeln reiben. Ich kann es fast hören. Es klingt wie das Geräusch von Fell, wenn eine Hand es streichelt.
Ja Baby, so fühlt man sich, wenn man stirbt. Es ist wie Fallen. Das Zappeln dauert nicht lange, vertrau mir.
Der Wind heult und wirft den Schnee hart gegen das Fenster. Er fliegt fast waagerecht und verdunkelt lautlos das Zimmer. Komm, falle mit mir. Gib mir dein Gesicht, das so unbarmherzig spiegelt. Ich weiß, wer ich bin, aber wohin gehst du, wenn du gehst?
Nackt setze ich mich in deinen Schoß und schiebe dir eine Rosine in den Mund. Ja, behalte den Finger, er gehört dir, so wie ich. Langsam schiebe ich deinen Pullover hoch und mache deinen Bauch klebrig mit der Hand, die du nicht brauchst. Ich will von dir essen.
Eine Hand voll Rosinen hole ich mir und lege eine Spur vom Bauchnabel bis hinunter in deine Scham. Die letzte versenke ich zwischen den rosigen Lippen gleich unter deiner Knospe. Meine rauhe Zunge gleitet feucht von Traube zu Traube. Ich esse dich und wische alles Unechte fort. Dann brauchst du kein Lied mehr für deine Angst. Ich schenke dir eine heilige Nacht, die nach schwerer Erde und reifen Äpfeln duftet und diese letzte, beste Frucht.
Die Wahrheit tut nur einmal weh, Geliebte, so wie deine Verachtung für meine Gier. Es ist nur ein Schritt über die Schwelle der Kontrolle. Einer, der dich fortbringt aus deiner zivilisierten Hülle und dich eins werden lässt mit allem.
Du legst deine Schenkel über die Sessellehnen. Mit schmatzendem Geräusch öffnet sich langsam die Blüte deiner Vulva und bittet mich, von ihrem Tau zu kosten, der mir glitzernd entgegen rinnt. Aber du bist noch kein Jäger. Noch bist du Mensch.
Meine Zunge fliegt nur flüchtig über deine geschwollenen Lippen und lockt dich hinüber zu mir ans andere Ufer. Komm doch. Verliere deine Fassung und verlasse den winzigen Raum, der fast so alt ist wie du. Hier bist du frei und deine Scham wird dich niemals finden.
Krachend öffnet der Sturm ein Fenster im Nebenzimmer. Mit lautem Heulen rüttelt er an Möbeln und Türen, die heiser in ihren Angeln knarren. Weiße Wolken stäuben herein und legen sich leise nieder. Sieh, der Schnee macht es dir vor und auch der Wind.
Doch deine Fesseln halten dich schon nicht mehr. Geschmeidig wie eine Katze gleitest du vom Sessel und umkreist mich auf allen Vieren. Deine Augen sehen Beute. Meine Brustwarzen härten sich unter deinem Blick. Ja, jetzt bist du so weit.
Rühr dich nicht, flüsterst du und ich verspreche, nichts zu bewegen, was nicht von selbst zu dir fließt. Ich erwarte dich auf dem Fußboden. Ein Prickeln auf meiner Haut verrät mir, dass du von hinten näher und näher schleichst. Lautlos hast du deine Kleider abgestreift. Der Sturm schluckt jedes Geräusch.
Wir sind nur noch ein Wesen. Jetzt berühre mich, wenn du willst. Doch jetzt brauchst du es nicht mehr, nicht wahr? Trotzdem, komm nur, Geliebte, komm sing...










09/2004

Die täglichen Gedankenfürze

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Der HDL-Song
>Klick hier< ... an alle, die es nicht glauben:...
Eskorte fragile - 1. Jul, 08:57
Rilke...
immer wieder ein Traum.
zuckerwattewolkenmond - 19. Mai, 19:43
Ein schöner Text......
Ein schöner Text... :) Das was du als "Ich" und...
manjuwel - 19. Mai, 19:28
Ich finde, man sollte...
Ich finde, man sollte das Phänomen mal evolutionspsychologisch...
Denkend (anonym) - 10. Jan, 08:13
schade, dass du gleich...
schade, dass du gleich ganz weg bist, lightly. für...
Eskorte fragile - 4. Sep, 12:41

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