Glossen
Geschäft geht vor Gesundheit. Das dachte sich auch der deutsche Großkonzern BAYER und seine amerikanische Tochterfirma Cutter und verkaufte seine alten, nicht erhitzten und HIV-verseuchten Lagerbestände des Bluter-Medikaments Koate mal eben nach China und Japan. Das Unternehmen erzielte dafür einen Erlös von 4 Mio Dollar.
Auch in Europa starben Menschen durch kontaminiertes Koate.
So wurden 400 Deutsche Bluter durch ärztliche Fahrlässigkeit und Gewinnsucht zum Tod verurteilt. Außerdem haben sich mindestens 2.000 weitere mit dem HIV-Virus infiziert. Weiterhin brachte das Zwei-Milliarden-Dollar-Jahresgeschäft 250 Franzosen den Tod durch aidsbedingte Erkrankungen. Hunderte wurden ebenfalls in Frankreich infiziert.
Durch eine geschickte Verzögerungstaktik bei der Zulassung des neuen, nicht HIV-infizierten Koate für den asiatischen Raum starben 2/3 der 5.000 Bluter innerhalb von 20 Jahren an Aids. Die Restlichen kämpfen noch heute um eine Entschädigung.
Durch die Zunahme der öffentlichen Aufmerksamkeit und einem vermehrten Presserummel um das HIV-verseuchte Koate, wurde das Unternehmen BAYER dazu gezwungen, das neue Medikament in Japan und China zuzulassen. Daraufhin wurden die alten Lagerbestände jedoch mit kaum weniger Skrupellosigkeit weiterhin nach Thailand und Brasilien verkauft, wo heute noch Kinder damit gegen die Bluterkrankheit behandelt werden. Erste Fälle wurde bereits 1985 bekannt. Die Firma BAYER hat nachweislich von der Kontamination der Präparate gewusst.
Eine weitere schöne Initiative startete BAYER in den neunziger Jahren für bluterkranke Kinder aus Lettland, Littauen und Schweden mit der Einrichtung eines Ferienlagers. Es existiert auch heute noch.
Dazu der Kommentar von BAYER:
Unter medizinischer Aufsicht wurden die Kinder in dem Camp auf der Insel Roslagen, einem kleinen, Stockholm vorgelagerten Eiland, mit dem Bluterpräparat Koate DVI von Bayer versorgt und konnten so ohne Angst vor gefährlichen Verletzungen spielen. Eine besondere Erfahrung für die Kinder aus den baltischen Staaten, die nicht regelmäßig mit den teuren Medikamenten versorgt werden können.
Während des Ferienlagers hatten die Kinder auch die Gelegenheit, den Umgang mit ihrer Krankheit und mit den Medikamenten zu lernen. Zusätzlich wurden sie darauf vorbereitet, mit den Herausforderungen des Alltags besser fertig zu werden, wenn sie nicht die Möglichkeit einer regelmäßigen Medikamenteneinnahme haben.
Für Bayer Skandinavien ist das Projekt, das Mitte der neunziger Jahre seinen Anfang nahm, ein wichtiger Beitrag zur Imagepflege in Nordeuropa.
Quelle: Bayer-Homepage
Eskorte fragile - 27. Mai, 12:40
Da Schmutz ja bekanntlich immer anderswo ist, als wir, ist es nicht erstaunlich, dass wir bestimmte Themen, die wir als "schmutzig" klassifiziert haben, tabuisieren. Dazu gehört noch immer bevorzugt alles, was mit Körperlichkeit zu tun hat. Die Sexualität gehörte vor nicht allzu vielen Jahrzehnten ebenfalls noch dazu. Auch wenn wir das Sex-Tabu aus der Schmuddel-Versenkung auf beinahe exzessive Weise in den Siebzigern befreiten, schlagen wir uns bis heute noch mit der Heftigkeit von Präventivschlägen im Rahmen einer militärischen Intervention mit unseren Minderwertigkeiten herum. Nach dem Motto: "Angriff ist immer noch die beste Verteidigung" faseln und fabulieren wir über alles Mögliche und Unmögliche, bekommen Tips und Anleitungen, die die Welt
nicht braucht, bzw. mit denen sich schon unsere Großmütter und -Väter in der Praxis verlustiert haben - heimlich versteht sich. Es gibt Statistiken über Häufigkeit, Schwanzlänge und -durchmesser, Ort und bevorzugte Stellungen etc., die uns Aufschluss darüber geben sollen, ob wir der "Norm" angehören oder nicht. doch Sexualität und Nacktheit gehört noch immer zu den verletzbarsten Themen, die uns Menschen bewegt.
Aus Unsicherheit heraus blasen wir alles, was dieses Thema angeht auf die gleiche Weise künstlich auf, wie ein besonders komplexbehafteter Mensch seine Unsicherheit mit Arroganz kaschiert - und das gesellschaftsübergreifend. Wirklich über die eigenen Bedürfnisse, Wünsche oder Nöte zu sprechen, wagen allerdings statistisch bei weitem nicht einmal die Hälfte der Deutschen.
Und tatsächlich gibt es auch Menschen, die überhaupt keinen Sex wollen. Keinen Sex zu wollen gilt in unserer sexuell überbewerteten Gesellschaft als "unnormal". Asexuelle Menschen haben überhaupt keinen Geschlechtstrieb. So sagten von 18.000 der befragten Briten ca. 1 % von sich selbst, dass sie sich noch nie von einem anderen Menschen sexuell angezogen gefühlt hätten.
Nachdem Homosexualität für die Meisten kein Problem mehr darstellt und als gesellschaftlich akzeptabel angesehen wird, ja es sogar modern war, wenigstens vorübergehend bi zu sein, sorgen wenigstens noch die Asexuellen dafür, dass die Tabus nicht so bald aussterben. Hallelujah!
Eskorte fragile - 27. Mai, 10:26
Die grüne Kraft
- eine Glosse -
Eine beliebte und weit verbreitete Art, in sich zu gehen, ist das Nasebohren. Darunter versteht man das Entfernen von getrocknetem Nasensekret, im Volksmund auch „Popel“ genannt. Unsere österreichischen Nachbarn bezeichnen die Bergung des unappetitliches Nebenproduktes auch als „Rammel“ oder „Rawuzer“.
Das Popeln wird in Europa und in weiten Teilen Asiens als unschicklich und Ekel erregend empfunden. Mütter hauen ihren Kindern auf die Finger und die meisten Erwachsenen beschäftigen sich eher heimlich mit der Reinigung ihres Riechorgans.
Als gesellschaftlich akzeptable Alternative gilt heute die Benutzung eines Taschentuches aus Stoff oder Papier. Da der Benutzung eines Taschentuches jedoch eine bewusste Handlung voraus gehen muss, greifen Viele wieder zu den altbewährten Mitteln, sich des Problems zu entledigen oder finden neue Methoden zur Entfernung der lästigen Nasensteine.
So werden in Indien die unliebsamen Störenfriede oft mangels Taschentuches durch das Blasen und Zuhalten eines Nasenloches und des dadurch entstehenden Überdrucks ohne viel Federlesen an die nächste Wand oder auf die Straße gerotzt, wogegen man in Osteuropa verbreitet die „Hochziehfraktion“ vorfindet. Im ostasiatischen Raum gilt das Hochziehen als anständig. Hierzulande kann eine harmlose Wartezeit an der Bushaltestelle zu einem außerordentlich „leckeren“ Erlebnis werden, wenn ein potentieller Fahrgast in Übereile neben, anstatt in sein Taschentuch schneuzt oder ganz ungeniert mit dem bloßen (!) Finger in der Nase wühlt. Nein, es ist kein wahrhaftig kein appetitlicher Anblick, doch scheinbar ist das Popeln eine im Menschen fest verankerte Notwendigkeit – und das schon seit seiner Kindheit.
Das Nasensekret, vulgär- und umgangssprachlich auch als „Rotz“ bezeichnet, ist eine schleimartige Substanz, welche im Inneren der Nase mit Hilfe spezieller Drüsen in der Schleimhaut gebildet wird. Dieses Sekret kommt bei Säugetieren und Menschen gleichermaßen vor und behindert die freie Atmung unter Umständen beträchtlich. In der Sexualforschung wird die Gewinnung von Popeln auch als „autosexuelle Ersatzhandlung“ betrachtet. Im Allgemeinen wird sie manuell und ohne Hilfe vorgenommen. Von einer Fremdbepopelung wird in den meisten Fällen abgesehen.
Der biologische Nutzen des Nasensekrets besteht in der Befeuchtung und Reinigung der Atemluft. Durch diesen Reinigungseffekt kann das Einatmen von Staub und Rußpartikeln den Popeloutput erheblich steigern. Zu einer vermehrten Bildung von Nasenschleim trägt auch das Rauchen bei. Die angebliche Verfärbung des Sekrets durch Nikotin hat sich jedoch als Gerücht heraus gestellt und konnte wissenschaftlich nicht bestätigt werden. Ausschweifende Diskussionen darüber, welche die „richtige“ Methode sein soll, sich des harten Nasensekrets zu entledigen, haben bis heute zu keinem eindeutigen Ergebnis geführt.
Einige HNO-Ärzte vertreten die Ansicht, dass häufiges Nasebohren zu einer vermehrten Popelbildung führt, da man sich davor eher selten die Hände wäscht bzw. desinfiziert. Doch auch das Schneuzen soll keine ungefährliche Taktik sein, denn durch den Überdruck können kleine Gefäße im Auge und in der Nasenschleimhaut platzen und bluten, so dass sich so genannte „Borken“ bilden, die dann nur mit einer Nasensalbe oder einem Nasenöl abgelöst werden können.
Nach diesen Erkenntnissen ist das Hochziehen des Nasenschleims scheinbar die gesündeste Lösung. Ohnehin ist der Hauptanteil des Nasensekrets eher flüssig, fließt fortwährend des Rachen hinunter und wird dann im Magen verwertet. Auch die Ausrichtung der Flimmerepithele im Nasen-Rachenraum deutet darauf hin, dass dies von der Natur so gedacht ist, da sie nach hinten, also in Richtung Rachen flimmern, um den Schleim besser durch die Speiseröhre abtransportieren zu können.
Über eines sind sich die Wissenschaftler jedoch einig: Die Menge, Konsistenz und Farbe des Nasensekrets kann Aufschluss über Erkrankungen der Nase geben. So kann eine grünliche Verfärbung des Schleims auf eine bakterielle Besiedlung hinweisen und eine gelblich auf eine Vereiterung – auch Sinusitis genannt. Bei einem Schnupfen wird vermehrt dickflüssiges Nasensekret produziert, wodurch die Nase verstopft und die Atmung erschwert oder ganz verhindert wird, wogegen bei einer Rhinitis das Nasensekret eher klar und dünnflüssig ist und wegen der starken Mengen auch nach außen abläuft, womit wir es dann mit der typischen „Rotznase“ zu tun haben.
So verschieden wir bei der Popelgewinnung vorgehen, so unterschiedliche Weiterverwertungsmöglichkeiten gibt es. Fallstudien haben ergeben, dass sich vor allem zwei Verhaltensweisen dabei heraus kristallisiert haben: Das Popelrollen mit der anschließenden Entsorgung mittels Wegschnipsen und das Popeln mit nachfolgendem Verzehr der Beute. Die gesellschaftliche Ächtung der ersten Variante, sofern man diese in der Öffentlichkeit betreibt, ist sicherlich für jeden vorstellbar. Dennoch ist sie für Viele beinahe ein Automatismus, bei dem ihnen die Überschreitung der Peinlichkeitsgrenze, vor Zuschauern ausdauernd zu popeln, nichts auszumachen scheint. Bevorzugt man diese Variante, wird man schon im Kindesalter die Erfahrung machen, dass der Schwierigkeitsgrad der Popelgewinnung darin besteht, dass man eventuelle Wartezeiten mit einkalkulieren muss, da sich nur ausgetrocknete Exemplare mühelos entfernen, rollen und wegschnipsen lassen. Befindet sich noch ausreichend Schleim am Popel, auch Schmierpopel genannt, sollte man sie - dem Namen gemäß – eher durch abschmieren entfernen, wobei man aus Rücksichtnahme darauf verzichten sollte, sie sichtbar (und vor allem durch einen dummen Zufall leicht erreichbar) für seine Mitmenschen zu plazieren.
Als wirklich interessant hat sich jedoch die zweite Methode, die des Popelns mit anschließendem Verzehr, heraus gestellt. Die Tätigkeit des Popelns an sich kann nämlich auch krankhafte Züge annehmen. Diese Krankheit wird Mukophagie genannt und bezeichnet die beinahe zwanghafte Neigung zum Popeln, die immer an die darauf folgende orale Zuführung gekoppelt ist.
Wie jeglicher Verzehr von Körperausscheidungen, z. B. von Schweiß oder Exkrementen, hat auch der von Popeln eher einen schlechten Ruf. Doch die Mukophagen – zu deutsch Schleimesser (mucus = Schleim und –phag = essen), vulgärsprachlich auch als „Popelfresser“ bezeichnet, handeln unfreiwillig so. Diese leiden meistens unter einer starken Verschleimung der Nase und empfinden den leicht salzigen Geschmack eines Popels als angenehm. Allerdings sollte man sich nicht zu der Vermutung hinreißen lassen, dass an Mukuphagie Erkrankte das „Schleimessen“ lieben. Vielmehr empfinden sie – genauso wie andere – einen normalen generellen Ekel vor dem Nasensekret – jedoch ist dieses Hemmnis herab gesetzt, wenn es sich um das eigene Sekret handelt und dieses unmittelbar und „frisch“ aus der Nase geholt wurde oder wenn die Verspeisung des Sekrets – ganz ähnlich dem Nägelkauen – unbewusst geschieht.
Den ultimativen Freipoplerschein gab jedoch vor kurzem ein Innsbrucker Experte, nach dessen Untersuchungen, das Bohren in der Nase, aber auch das Verspeisen der Popel der Gesundheit förderlich sein soll. Der Lungenfacharzt Friedrich Bischinger befürwortet sogar das Popeln ohne Taschentuch, da es nicht nur eine bessere mechanische Reinigungsmöglichkeit darstellt, als mit, nein – er geht sogar so weit, zu behaupten, Popelessen steigere die Abwehrkräfte. Dabei werden die Bakterien, die sich in der Nasenschleimhaut angesammelt haben, in den Darm befördert und entfalten dort ihre medikamentöse Wirkung, indem sie das Immunsystem stärken und die Abwehrkräfte stabilisieren.
Popel essen ist also gut für die Gesundheit, egal, ob Sie links oder rechts herum bohren. Na dann – Bon apetit.
Eskorte fragile - 19. Mai, 21:31
„Die Sünden der Väter werden heimgesucht an den Kindern.“
Man spricht auch von Erbsünde. Dass wir uns keine Gedanken mehr darüber machen müssen, beweisen uns die jüngsten Ereignisse, vor allem die Tatsache, dass die NPD ungestraft im Sächsischen Landtag antisemitische Hetze betreibt und dass unsere jungen Wähler im Osten Deutschlands zu 20 % die NPD wählen. Doch wir haben ja nun das neu errichtete Holocaust-Mahnmal zum Gedenktag in Berlin, das unsere fortschreitende Alzheimer im Zaum halten soll.
Gottlob sind die Hände der jüngeren Generationen von der Schuld rein gewaschen und wir können es der Politik überlassen, alles Verfassungswidrige zu verbieten. So können wir uns also beruhigt zurück lehnen und dieses leidige Thema – wie alles andere auch – denen in den Schoß legen, die an den Hebeln sitzen, und können uns einreden, dass der Holocaust nur ein Märchen ist, dazu ausgelegt, das Beste, was wir je hatten, in den Schmutz zu ziehen.
Vergessen wir doch einfach die Bilder der ausgemergelten Überlebenden, die die Russen 1945 mehr tot als lebendig aus den KZ´s befreiten. Vergessen wir Namen wie Joseph Mengele und Maria Mandel, vergessen wir die gelben Sterne, Progrome und Leichenberge. Könnte alles glatt gelogen sein, und wenn nicht das, so ist es doch schon verdammt lange her.
Zugegeben, es ist schon etwas lästig, dieses ewige Rühren im Dreck der Deutschen Geschichte, der anklagende Blick der gesichtslosen Masse ermordeter Juden, Zigeuner und Andersartiger, das immer währende Verbeugen und Bedauern. Schaufeln wir uns die Asche der Vergasten nicht länger über die Häupter. Immerhin hat Hitler den Deutschen die Autobahn geschenkt und Arbeit. Jawoll! Und jede Menge Geld hat er gespart durch diese äußerst effiziente Weise der Problemlösung. Und immerhin gabs da eine Perspektive, eine Zukunft, einen Mythos – einen arischen.
Wie gut auch, dass der Zentralrat der Juden Spiegel das Gewicht vor allem auf die „kosmetische Wirkung“ Deutschlands nach außen Wert zu legen scheint. Man stelle sich nur das neue Mahnmal als Kulisse für den Aufmarsch der NPD am 8. Mai vor. Richtig peinlich wäre das!
Wenn ich ehrlich bin, ist mir die kosmetische Wirkung Deutschlands nach außen scheißegal. Ich bin kein Jude, kein Türke, kein Behinderter, kein Zeuge Jehovas und auch kein Zigeuner und man hat mir früh genug beigebracht, dass Nationalstolz für einen Deutschen eine peinliche Angelegenheit ist. Allerdings könnte ich mich als deutsche Lesbe vom braunen Sumpf bedroht fühlen, die eine solide sozialistische Erziehung und einen politischen Häftling als Vater genießen durfte, alle Nachteile eingeschlossen, die das mit sich brachte.
Ich erinnere mich daran, dass wir in unserer Schulzeit, kaum dass wir neun oder zehn Jahre alt waren, alle Einzelheiten von Massenvernichtungen vorgesetzt bekamen, die es gab. Auf einer Klassenfahrt zum KZ Buchenwald gab es einen Dia-Vortrag mit Fotos über das Lagerleben. Ein Bild hat sich bis heute in meinem Kopf erhalten: Ein Mann aufgehängt an einem Baum. Doch man hatte ihn nicht nur einfach so da dran geknüpft. Man hatte ihn an seinen Eiern an den Ast gehängt. Es waren die ersten Eier, die ich sah und sie waren ca. einen halben Meter lang.
Nicht lange danach gab es in der „Kirche unserer lieben Frauen“ einen Film über die Auswirkungen der Atombombe in Hiroshima. Mit morbider Akribie hatten die Amerikaner das Filmmaterial gesammelt und wir sahen eine Stunde lang Verätzungen, Verbrennungen und von Hitze und Strahlung zusammen geschmolzene Deformierte. Ich träumte noch zwei Wochen lang danach davon.
Doch immerhin hatten wir einen Mythos – einen sozialistischen – und ein gepflegtes Feindbild dazu und gottlob mussten wir nicht selber denken. Wir mussten nur tun, was von uns erwartet wurde: Uns als gutwillige und hilfsbereite Zelle im Staatsorgan beweisen. Was mit den Krebszellen – den so genannten subversiven Elementen – geschah, wussten wir zu unserer Zeit genauso wenig wie die Mehrzahl der Deutschen damals wusste, was man in den KZ´s mit den Menschen tat.
Zu guter Letzt – sozusagen um uns die letzten Illusionen von Individualität zu entreißen – hatten wir geschlossen und unabhängig von Geschlecht und Tauglichkeit einen sechswöchigen Wehrdienst abzuleisten. Jungen wie Mädchen marschierten in Uniform und Stiefeln, klackten mit den Hacken bei Befehl „rechts rum“, liefen mit Gewehr bei Fuß und legten an bei Befehl „legt an“. Und was ist das Fazit aus der Geschichte? Man kann genauso gut nach vorne, wie nach hinten fallen?
Ich habe noch Fotos von meinem Großvater in Uniform. Als guter Deutscher kämpfte er im zweiten Weltkrieg. Und – war er deswegen ein rassistisches Arschloch? Ich schätze, es hat ihn niemand danach gefragt, was er wollte, aber ich weiß, dass er den Holocaust bis zu seinem Tod für eine Lüge hielt. Wen wundern also 20 % jugendliche NPD-Wähler?
Gottlob sind wir heute wieder Individuen und alles ist nicht mehr so wie vor zwanzig oder vor sechzig Jahren. Wir dürfen denken, sagen und wählen was wir wollen, wir können arbeiten oder es auch bleiben lassen und wir können uns beruhigt zu den Zeugen Jehovas, zu unseren neonazistischen Ansichten oder zum anderen Ufer bekennen – wir leben ja in einem demokratischen Staat. Hallelujah!
Wir können unsere Verantwortung für uns selber an Ärzte, Krankenkassen, Arbeitgeber und Staat abwälzen und somit aufhören uns ernsthafte Sorgen zu machen. Wir können zwar nicht behaupten, wir hätten einen Mythos, zumindest keinen von der Sorte, für den es sich lohnt, zu leben oder meinetwegen auch zu sterben, aber immerhin kann man ja bei Bedarf den Althergebrachten wieder bemühen, denn so lange der noch gut passt, brauchen wir ja auch keinen neuen. Oder?
Eskorte fragile - 30. Apr, 13:43